Türchen 24 – Weihnachtsgeschichte »Würstchen mit Senf«
Mit dieser wundervollen Geschichte, die beschreibt, wie Weihnachten Menschen einander näher rücken lässt, verabschieden wir uns in die Weihnachtszeit und wünschen besinnliche Festtage!
Advent WeihnachtenWürstchen mit Senf
Weihnachten lässt Menschen einander näher rücken. Für ein kleines Mädchen und eine alte Dame wird der vierte Advent zu einem ganz besonderen Erlebnis:
Susanne wohnt in einer kleinen Stadt in einem großen Haus. Mit ihr wohnen dort ihre Eltern und ein kleiner Hund. Leute, die in einem großen Haus wohnen, sind immer sehr beschäftigt, weil sie sich daran gewöhnt haben, dass alles, was sie tun, wichtig ist. „Nur in der Weihnachtszeit“, sagt die Mutter, „muss es gemütlich und besinnlich sein.“ Dann bastelt sie mit Susanne, sie backen gemeinsam, dass das ganze Haus nach Lebkuchen duftet, hören weihnachtliche Musik und lesen wunderschöne Geschichten bei Kerzenschein.
Mit jedem Adventssonntag wird Susanne unruhiger. „Morgen“, jubelt sie, „morgen ist schon der vierte Advent, Montag kommt Oma und dann ist schon Heiligabend.“ – „Und heute“, sagt die Mutter, „müssen wir noch einmal einkaufen, obwohl es schrecklich voll sein wird. Kommst du mit, Susanne?“ Natürlich geht Susanne mit, denn sie müssen noch zu Frau Pelle in den Süßwarenladen, da bekommt sie sicher einen kleinen Schokoladenweihnachtsmann.
Bis zur Tür reicht die Schlange der Einkaufenden, alle sind heute freundlich und geduldig. – Vor Susanne steht eine alte Frau mit einem Handstock, sie wischt sich ständig mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Geht es ihnen nicht gut, Frau Müller?“ Die Mutter kennt die alte Frau und fragt die anderen Leute, ob es ihnen recht ist, wenn Frau Müller als Nächste an der Reihe ist. Schnell hat Frau Pelle ihr ein Pfund Kaffee und ein Päckchen Weihnachtskekse eingepackt, sodass die alte Frau nach Hause gehen kann. „Woher kennst du sie“, fragt Susanne, als sie das kleine Geschäft verlassen. „Sie ist Patientin in Papas Praxis, mein Schatz, und ich denke“, fügt Frau Krohn hinzu, „wir schauen schnell bei ihr vorbei, ob alles in Ordnung ist, denn sie hat niemanden, der sich um sie kümmert.“
Nachdenklich trottet Susanne neben ihrer Mutter her. Sie kann sich einfach nicht vorstellen, dass jemand in dieser Zeit allein sein muss. „Ich könnte sie ja morgen zu mir einladen“, schlägt sie zögernd vor. Die Mutter freut sich über das mitfühlende Herz ihrer kleinen Tochter und, obwohl es nicht so ganz in ihre vorweihnachtlichen Pläne passt, stimmt sie gerne zu.
So kommt es, dass Susanne am vierten Advent in ihrem feierlich geschmückten Kinderzimmer Frau Müller als Gast empfängt. Sie hat sie ganz allein eingeladen, gefragt, wie sie früher immer Weihnachten gefeiert hat, und nun hat sie versucht, alles genauso zu machen.
Vier Kerzen hat Susanne angezündet, auf dem Tisch steht ein dampfender Topf. „Wie bei ihnen zu Hause“, sagt sie stolz und hebt den Topfdeckel, „Würstchen mit Senf!“
Aber dann fällt ihre glückliche Miene in sich zusammen. „Sie sind geplatzt, Frau Müller, alle Würstchen sind geplatzt!“ – Frau Müller ist ganz glücklich. „Wie zu Hause“, wiederholt sie immer wieder, „und damit der Senf nicht herunterrutschen kann, mussten sie geplatzt sein. – Nein, wie hast du das alles wissen können!“ Schnell wandelt sich Susannes Stimmung, sie wird sogar ganz stolz auf ihre geplatzten Würstchen und weiß zum Schluss gar nicht mehr, ob sie das alles nicht wirklich so geplant hat.
Es wird ein gemütlicher Adventsnachmittag, und als Frau Müller bei Einbruch der Dunkelheit das Haus der Familie Krohn verlässt, wünscht sie allen ein fröhliches Weihnachtsfest und meint, dass sie seit vielen Jahren keinen so schönen Tag verbracht habe wie den vierten Advent mit Susanne. Susanne schläft an diesem Abend etwas nachdenklicher ein als üblich, „nur zwei Würstchen – und sie hat sich so gefreut“, murmelt sie.
Am nächsten Morgen ist dann alle Nachdenklichkeit wie weggefegt. Die Großmutter kommt mit einem Arm voller Geschenke und einem geheimnisvollen Blinzeln in den Augen. Ehe sich Susanne so recht besinnt, ist der Heilige Abend da. Die Lichter am Baum werden angezündet, der Vater liest die Weihnachtsgeschichte vor, und jetzt warten alle gespannt, dass Susanne ihre Pakete auspackt.
Aber was ist mit dem übermütigen Kind los? In sich versunken zupft sie an den kurzen blonden Zöpfen, die braunen Augen strahlen nicht so wie sonst, zögernd blickt sie von einem zum andern. „Frau Müller – ist es Frau Müller, die dir nicht aus dem Kopf geht?“ Die Großmutter zieht ihr Enkelkind behutsam auf den Schoß. Fragend schauen sich die Erwachsenen an, dann nickt der Vater, nimmt seine kleine Tochter an die Hand und verlässt das Haus mit einem aufgeregt hüpfenden Kind, das kein bisschen mehr an die nachdenkliche Susanne unterm Tannenbaum erinnert.
Die Tür von Frau Müllers Wohnung ist nicht abgeschlossen, und so können Herr Krohn und Susanne ganz leise das kleine Wohnzimmer betreten, aus dem als einziges Licht sanfter Kerzenschimmer in den Flur fällt.
Frau Müller sitzt zusammengesunken in ihrem Sessel, auf dem Tisch dampft ein geplatztes Würstchen; als Susanne sie leise antippt, rutscht der Arm von der Sessellehne, ein Zettel fällt dabei zu Boden. Herr Krohn hebt ihn auf, wirft einen kurzen Blick drauf und steckt ihn in die Jackentasche. „Komm, Susannchen, ich werde das alles in die Hand nehmen. Frau Müller ist tot, aber ich glaube, es ist gut so, du musst nicht traurig sein.“
Zu Hause setzt sich Susanne ganz benommen in das weihnachtliche Wohnzimmer. Als der Vater erzählt, wie sie Frau Müller vorgefunden haben, löst sich ihre innere Anspannung und sie weint, weil die alte Frau so allein gestorben ist und weil sie vielleicht jemandem etwas sagen wollte und noch einen Zettel in der Hand hielt, und auf dem Tisch das geplatzte Würstchen stand, und weil sie keinen Tannenbaum hatte, sondern nur eine kleine Kerze auf einem Tannenzweig, und weil, und, und ...
Hier wird sie von ihrem Vater unterbrochen. „Ich muss noch etwas telefonieren“, er gräbt in seiner Jackentasche und wendet sich an seine Mutter, „das ist der Zettel, den sie in der Hand hielt. Kannst du ihn entziffern? Ich kann die deutsche Schrift nicht lesen. Vielleicht ist es wichtig!?“ Die Großmutter liest die Zeilen erst für sich und wendet sich dann an ihre Enkeltochter: „Das ist wohl eher für dich gedacht, Susannchen. Frau Müller hat geschrieben: ,Ich habe das Christkind kennengelernt, es hat haselnussbraune Augen und blonde Zöpfe wie kleine Rasierpinsel ...‘ - Dann ist ihr wohl das Schreiben zu schwer geworden.“
Liebevoll streicht sie Susanne über die Haare und fügt lächelnd hinzu: „Ja wirklich, wie kleine Rasierpinsel.“
