Türchen 21 – Mein Adventswunder

Von einer tollen Kindheitserinnerung in der Adventszeit – eine Erzählung von Doris Bewernitz.

Advent Weihnachten Achtsamkeit

Mein Adventswunder

Als Kind liebte ich es, in der Adventszeit, wenn es am späten Nachmittag schneite, draußen allein herumzugehen. Es wurde ja schon früh dunkel. Dann sagte ich, ich wolle mir vor dem Abendbrot noch den großen Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz angucken, und huschte aus der Wohnung. Aber ich wollte gar nicht den Baum angucken. Ich wollte mein Adventswunder erleben. Und das ging so:

Schneeflocken fielen auf meine Brillengläser, und wenn es kalt genug war, so dass sie nicht sofort schmolzen, verwandelten sie meine Brille in ein Kaleidoskop. Kaum, dass ich noch etwas Reales erkennen konnte, gleich wurde sämtliches Licht, das in der Dunkelheit leuchtete, zu wundersamen Sterngebilden. Das farbige Licht der geschmückten Schaufenster, das weiße Licht der Straßenlaternen, das warme Licht, das aus den Fenstern rechts und links schien, das bunte Licht der Weihnachtsdekorationen an den Haustüren. Lange, filigrane Strahlen hatten diese Sterne auf meiner Brille, sie gingen ineinander über und vermischten sich zu zarten Farben und Mustern, deren Schönheit überirdisch war. Und wenn ich stehenblieb und den Kopf langsam ein wenig nach rechts oder links neigte, dann tanzten die Sterne sogar miteinander, wie bei einem echten Kaleidoskop, ordneten sich zu neuen Mustern und versetzten mich in komplettes Entzücken.

Traumversunken ging ich durch die Straßen, die ich ja eigentlich kannte, aber es waren nun nicht mehr dieselben Straßen, jemand hatte sie in eine Märchenlandschaft verwandelt. Jemand hatte einen Vorhang zur Seite geschoben und zeigte mir, dass die Welt nicht nur das war, was man alltags sah. Jemand hatte sich für alle Menschen, die eine Brille trugen, etwas besonders Schönes ausgedacht. Und ich war so glücklich, es ganz allein entdeckt zu haben. Und wollte es so oft wie möglich erleben. Es funktionierte ja nur in der Zeit, wo es nachmittags schon dunkel war und außerdem schneite.

Niemandem erzählte ich damals von meiner Entdeckung, denn ich war überzeugt, dass man so etwas Schönes selbst herausfinden musste. Dass es nur dann so einzigartig und ergreifend sein konnte. Doch als ich neulich durch das weihnachtliche Berlin lief und es wieder genauso passierte, Sterne über Sterne und Muster über Muster, und mich das Glück darüber wie eine warme Welle traf, da dachte ich, nun kann ich es ja ruhig einmal erzählen. Für alle Brillenträger.

Und überhaupt.

Doris Bewernitz

Aus dem Buch