Türchen 21 – Der Thomastag

Manche Menschen lesen in den Horoskopen der Zeitschriften oder sie liebäugeln mit dem Gedanken, sich die Karten legen zu lassen. Früher war die Thomasnacht die Zeit, in der Orakelspiele für die Zukunft durchgeführt wurden.

Advent Glaube

Zunächst einmal ist die Nacht des 21. Dezember, seit der Einführung des gregorianischen Kalenders im 16. Jahrhundert, die längste Nacht des Jahres. Mit ihr begannen der keltischen Tradition nach die sogenannten Raunächte, die bis Neujahr währten. Heutzutage verstehen wir die zwölf Nächte zwischen dem ersten Weihnachtstag und dem 6. Januar als »Raunächte«; sie sind eine Art »Niemandszeit«, was bei uns in der Bezeichnung »zwischen den Jahren« noch zum Ausdruck kommt. Unseren Vorfahren galten sie als Heilige Nächte, in denen man sich still verhielt, mit der ganzen Familie zusammensetzte, um zu essen und zu trinken und Orakel zu befragen, was einem das  kommende Jahr bringen würde. Von daher wurden diese Nächte oft auch als »Losnächte« bezeichnet. Das Bleigießen zu Silvester ist noch ein Relikt davon.

Woher stammt die Bezeichnung Raunächte?

Einer Deutung nach geht sie auf den mittelhochdeutschen Begriff rûch (haarig) zurück. Wir kennen auch heute noch in der Kürschnerei den Ausdruck Rauchware für Pelze. Und in den Raunächten ging es um vielerlei Rituale um das Nutzvieh, zugleich aber auch um die mythischen Vorstellungen von Verwandlungen zwischen Menschen und Tieren zu Mischwesen, zu Werwölfen oder zu anderen haarigen Gestalten.

Eine andere Deutung geht davon aus, dass die Raunächte sprachlich auf das Ausräuchern von Höfen und Ställen mit Weihrauch zurückgingen. Die Raunächte galten als Zeit der »Wilden Jagd« der bösen Geister, die durch die Lüfte flogen und jede Menge Unheil anrichteten. Das Ausräuchern diente der Abwehr dieser Dämonen. Sicherheitshalber durften Frauen und Kinder nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr das Haus verlassen. Alle Räume mussten gründlich geputzt und aufgeräumt sein, weil die Geister jede Form von Unordnung bestraften. Viele Tätigkeiten waren untersagt. So sollte man aus mannigfachen Gründen keine Wäsche aufhängen, sein Bett nicht im Freien lüften, weder Haare noch Nägel schneiden oder Hülsenfrüchte essen. Bei Ungehorsam drohten als Folge die unterschiedlichsten Krankheiten. Mancherorts galt ein striktes Arbeitsverbot. Da in dieser Zeit auch nicht gebacken werden durfte, wurden zuvor reichlich Striezel und Stollen, Kletzenbrot und Birnenwecken als Opfergabe hergestellt, von denen sich die Seelen der Verstorbenen nähren sollten, die man in diesen Nächten erwartete – denn ihre Bewirtung verhieß Glück. Natürlich haben sich letztlich die Lebenden an den köstlichen Kuchen und Gebäcksorten gütlich getan. Durch die Christianisierung wurden einzelne Gebäcke dieses alten Brauchtums sprachlich mit dem Weihnachtsfest verbunden, wie es vor allem am »Christstollen« deutlich wird.

Die Wintersonnenwende am 21. Dezember erhielt durch den Thomastag eine christliche Deutung: Thomas war einer der engsten Jünger Jesu. Nach dem Johannesevangelium (20,24–29) hatte er den anderen Jüngern, die ihm von der Auferstehung Jesu erzählt hatten, nicht geglaubt, so wurde er zum »ungläubigen Thomas«. Erst als Jesus ihm selbst noch einmal erschien und ihn einlud, mit seinen Fingern die Wundmale der Kreuzigung zu berühren, war auch er von dessen Auferstehung überzeugt. Da Thomas am längsten im Zweifel verharrt hatte, hat man den Thomastag auf die längste Nacht des Jahres, auf die Wintersonnenwende, gelegt.

In der katholischen Kirche hat man bei der Neuregelung des liturgischen Kalenders 1970 den Gedenktag des Apostels Thomas auf den 3. Juli vorgezogen; auf das Datum, als man seine Gebeine nach Edessa überführt hatte. In der evangelischen Kirche wird aber nach wie vor in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember des Apostels Thomas gedacht.

Trotz der Änderung im katholischen Heiligenkalender finden mancherorts auch in katholischen Gegenden, vor allem in Niederbayern und Südtirol, traditionelle Rituale statt, die wohl auf alte mystische Bräuche zur Sonnenwende zurückgehen. Die Nacht vom 20. auf den 21. Dezember wird hier als erste von vier besonderen Raunächten (20./21. Dezember, 24./25. Dezember. 31. Dezember)

Bei jungen Leuten waren früher in der Thomasnacht vor allem allerlei Orakelspiele beliebt, um einen Blick in die Zukunft zu werfen. Die heiratswilligen jungen Mädchen hofften, dabei zu sehen, wer einmal ihr zukünftiger Bräutigam werden würde.

Will jemand [in Nieder-Österreich] wissen, wen er heiraten werde, so muß er am Thomasabend vor dem Schlafengehen den Bettstaffel treten. Dies besteht darin, dass man den untersten Theil des Bettes mit dem linken Fuße dreimal tritt, und dabei jedes Mal folgende Worte spricht:

»Bettstaffel ich trit’ dich, heiliger Thomas ich bit’ dich, lass’ mir erscheinen den allerliebsten meinen.«

Nachdem dieses dreimal gesprochen, muß man sich umgekehrt in das Bett legen, also dass der Kopf dahin zu liegen kommt, wo gewöhnlich die Füße liegen; auch darf man nicht auf der gewöhnlichen Seite in das Bett steigen, oder nach dem Bettstaffeltreten noch Anordnungen für den nächsten Tag machen und dergleichen, sondern man muß gleich unmittelbar nach demselben über den Bettstaffel in das Bett steigen. Man glaubt, dass dann im Traum die erwünschte Person erscheinen werde.

(Theodor Vernaleken, 1859)

Überdies war der Thomastag in kulinarischer Hinsicht von Bedeutung, denn an ihm wurde das Hausschwein geschlachtet und verarbeitet; von daher wurde der Thomastag bisweilen auch als »Sautod« bezeichnet. Diese »Mettensau« war eigens für die fleischlichen Speisen gemästet worden, die man nach Ende der adventlichen Fastenzeit, nach der »Christmette«, an den weihnachtlichen Tagen genießen durfte.

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