Warum Selbstoptimierung keine Lösung ist

Mit diesen 5 Tipps von Christoph Augner lernen Sie, wie Sie Ihren Perfektionismus und Ihre Selbstoptimierung überwinden und so Ihren Fokus wieder auf das Wesentliche lenken können

Ratgeber Achtsamkeit Gelassenheit

»Mehr in weniger Zeit«, dieses Credo gilt mittlerweile für alle Lebensbereiche. Wir optimieren Arbeit, Kinder, Partner, Wohnen und vieles mehr. Indem wir schnell und viel machen, haben wir das Gefühl beschäftigt zu sein und etwas Sinnvolles zu tun. Doch leider ist das ein Fehlschluss: Alles effizienter gestalten, immer mehr in weniger Zeit, nach Perfektion streben, alle Optionen nutzen wollen, nichts versäumen und überall möglichst viel rausholen – das sind keine »Glücklich-Macher«. Im Gegenteil, wir zahlen dafür einen hohen Preis. Vor lauter »Tun« verlieren wir den Blick auf das Wesentliche. Und obwohl wir so viel erleben, kommt uns die innere Erlebnisfähigkeit abhanden.

Wir werden blind für das, was das Leben für uns bereithält. Wir vergleichen uns mit anderen, weil wir keinen Sinn mehr dafür haben, was wir selbst möchten. Dabei ist es gar nicht so schwer, diese Fähigkeiten wieder zurückzuholen und Selbstoptimierung und Perfektionismus hinter sich zu lassen.

1. Auf Stabilität im eigenen Leben achten

Die Stimme der Selbstoptimierung sagt: Der jetzige Zustand ist nicht gut genug, ändere ihn! So ist es kein Wunder, dass wir an jeder Hausecke Sprüche hören wie: »Das Leben ist Veränderung«, »Wer rastet, der rostet«. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Das Leben besteht natürlich aus Veränderung, aber eben auch aus Stabilität. Sich um stabile Verhältnisse im eigenen Leben zu bemühen ist ein wichtiger Grundpfeiler für die psychische Gesundheit. In der Stabilität finden wir Orientierung. Erst durch einen inneren Rahmen finden wir in Krisen, die tatsächlich Veränderung erforderlich machen, die nötige Kraft.

Wenn Sie also gerade einen Veränderungsprozess durchlaufen: Achten Sie darauf, dass sich nicht alles ändert, dass Ihnen stabile Bezugspunkte bleiben.

2. Rein statt raus aus der Komfortzone

Das ist kein Aufruf zur Bequemlichkeit. Es geht nicht darum, es sich im Leben gemütlich zu machen. Eine Komfortzone vermittelt das Gefühl von Geborgenheit, etwas, was wir im Selbstoptimierungszeitalter so dringend brauchen. Ein Leben in ständiger Alarmbereitschaft kann nicht gelingen. Eine Komfortzone kann vieles sein: ein äußerer Ort, an dem man Ruhe findet; eine Fantasiereise nach einem stressigen Tag; von bestimmten Menschen oder Dingen umgeben zu sein. Seine eigene Komfortzone kennt jeder intuitiv selbst.

Bewusst Situationen zu schaffen, in denen Geborgenheit und Sicherheit entstehen kann – das ist für die Ent-Optimierung unerlässlich.

3. Mäßigung als Lebenstugend

Wissen, wann es genug ist, ist eine wichtige Fähigkeit in Zeiten des Überflusses. Bei Seneca findet sich der Begriff der Seelenruhe, die nur möglich wird, wenn wir eine Balance zwischen kurz- und langfristigen Zielen, zwischen inneren Motiven und den Bedürfnissen unserer Umwelt erreichen. Mäßigung heißt nicht, einfach auf alles zu verzichten und die eigenen Gefühle zu ignorieren, sondern sie zu integrieren. Wenn ich nicht zulasse, dass mich meine Emotionen durchs Leben treiben, kann ich langfristig besser im Einklang mit meinen Bedürfnissen leben.

Mäßigung heißt: die Kontrolle über den eigenen Wirkungsbereich bei sich selbst einzufordern, es heißt: leben statt gelebt zu werden.

4. Die eigenen Werte finden

Ein Mensch, der sich seiner Werte nicht bewusst ist, ist wie ein Schiff ohne Steuerfrau oder -mann. Das Schiff hat kein Ziel, keine Route, treibt orientierungslos im Meer. Da hilft auch der leistungsfähigste Motor, die hohe Geschwindigkeit nichts. Philosophie und Psychologie zeigen gleichermaßen: Es ist besser, Werte zu haben, als keine zu haben. Am besten sind Werte, die uns mit den Menschen und der Welt in Verbindung bringen, indem wir anderen helfen und uns aktiv um Freundschaften bemühen. Diese Werte lassen uns zufriedener sein, als wenn wir nur persönlicher Nutzenmaximierung und materiellen Zielen folgen.

5. Auswählen, ausblenden, Prioritäten setzen

Bündeln wir unsere Aufmerksamkeit auf das, was wirklich wichtig ist. Widmen wir uns diesen Prioritäten – und lassen wir alles andere weg. Machen wir uns immer bewusst, warum wir uns für etwas entschieden haben – und damit gegen so vieles andere, was auch möglich wäre. Dann ist es leichter, Strategien zu entwickeln, wie wir die vielen zeitfressenden Ablenkungen und Vergleiche der Optimierungsgesellschaft ausblenden können.

Unsere Persönlichkeit entwickeln wir nicht, wenn wir auf andere schauen, ihre Social Media Accounts verfolgen oder Prominente imitieren. Wir entwickeln sie, indem wir unseren eigenen Prioritäten folgen.


© Privat

Christoph Augner

Dr. Christoph Augner ist Psychologe und Hochschullehrer im Gesundheitswesen. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Arbeits- und Organisationspsychologie, insbesondere in Personalentwicklung, Gesundheitsförderung und Prävention. Er veröffentlichte zahlreiche Forschungsarbeiten in internationalen Fachzeitschriften.

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