Im Einklang sein
Im Frühling wird die Kraft der Natur besonders spürbar. Hildegard von Bingen (1098–1179) nennt sie die »Grünkraft«. Für die Naturforscherin und Ordensfrau ist es die schöpferische Kraft, die sich in allem Lebendigen verwirklicht. Von Annette Heizmann.
Inspiration Gesund leben Natur AchtsamkeitDurch die Grünkraft ist die Seele mit der Schöpferkraft verbunden: »Wir müssen auf die Stimme unserer Seele hören, wenn wir gesunden wollen.« Hildegard nannte ihr erstes Werk »Wisse die Wege« (Scivias) oder konkretisiert »Wisse die Wege des Lichtes«. Im Alter von »42 Jahren und 7 Monaten« sah sie in klarem Wachzustand ein leuchtendes Licht aus dem offenen Himmel kommen und fühlte, wie es ihr Denken, Fühlen und ihren Leib erfüllte. Hildegard war als Wegweiserin für Körper, Geist und Seele sehr weit. Weit im Sinne von vorausschauend. Weit im Sinne eines weiten Horizonts und der Freiheit für viele Wege, mindestens zwei. Weit im Sinne von tolerant. Weit im Sinne von Ausdrucksmöglichkeiten für die biblische Botschaft in Wort, Bild und Fest. Weit im Sinne der Reichweite. Sie hat viele Menschen persönlich erreicht durch Briefe, Predigten und als Ratgeberin bis in den fernen Osten, im heutigen Iran.
Lebensmittel und Lebensweise
In der orientierungslosen Zeit des frühen Mittelalters beginnt Hildegard eine Pflege des Lebens mit den Heilmitteln der Natur und der Seele, des Geistes. Diese Lebenspflege hat sich vor allem auf die bedürftigen Menschen ausgewirkt, die den Zugang zur göttlichen Natur noch nicht verloren hatten. Kräuter, die überall wachsen; Heilmittel, die mit gekocht werden. Die Auswahl der Lebensmittel erfolgte entlang des Tages- und Jahreslaufs. Heute würden wir »regional, naturbelassen, bewusst« sagen. Entscheidend dabei ist auch der Rhythmus und die unterschiedlichen Qualitäten eines Tages. Kontinuität im Gesundheitszustand wurde durch regelmäßige Nahrungsaufnahme von sättigenden Speisen, wie beispielsweise einem warmen Dinkelbrei am Morgen, erreicht. Hildegard war klug und sorgte nicht einfach nur dafür, dass der Hunger gestillt wurde, sondern dass die einfachen Menschen über die Wirkung von Nahrung Erfahrungen machen konnten.
Das rechte Maß in allen Dingen ist eine wichtige Tugend, die Hildegard beschreibt. Nicht die Verdrängung von Gefühlen, Gedanken und Gelüsten ist der Weg, und auch nicht, diese grenzenlos auszuleben, sondern im ersten Schritt: die Wahrnehmung, dass sie da sind. Im zweiten Schritt das Erkennen und drittens die Entscheidung, um in ein rechtes Maß, das heißt in Balance zu kommen, die sehr individuell ist, weil Gott mit jedem Menschen seinen ganz eigenen Weg hat.
Geistige und körperliche Bewegung, ausgleichender Sport im guten Maß sind wichtig, um die eigene Energie und die körperliche Spannkraft zu erleben. Zu viel Stress im Sport entzieht uns allerdings Energie. Ich verbinde gerne den Aufenthalt in der Natur mit Bewegung oder pflege Beziehungen, zum Beispiel mit einer Laufgruppe unter Freundinnen am Ort. Durch Bewegung erleben wir den Fluss des Lebens im Körper. Das Blutsystem, das Wassersystem, unsere Muskeln und Gelenke erzählen von dem Wunderwerk, das schöpferisch jeden Atemzug neu in uns bewegt. Der Atem kommt von allein und geht wieder ohne unser Zutun und begleitet uns in der Ruhe und in der Aktivität. Dieser Lebensstrom wird von Hildegard von Bingen auch mit dem Schöpfergeist, dem heiligen Geist, zeitweise auch Herrin Weisheit oder Weisheit Liebe bezeichnet. Über den Atem sind wir aus Hildegards Sicht mit der Geistkraft der Liebe untrennbar verbunden.
Gute Gedanken denken
Reinigen wir uns von allen Gedanken, die unseren Tageslauf beeinflussen wollen, zum Beispiel an einem freien Tag, dann können wir uns öffnen für den ursprünglichen Atemfluss und seine aktivierende und beruhigende Wirkung. Die Eigenschaften der lauteren Zufriedenheit vermittelt uns der Atem, der ohne unser Zutun da ist, wie Gott selbst. Gedanken, der Ursprung aller Aktion, spielen eine große Rolle bezüglich der Freude: »Wenn die Gedanken süß und angenehm sind, dann verraten die Augen, die Ohren und die Sprache des Menschen Freude. Die Augen des Menschen sind ähnlich dem Firmament geschaffen, sie sind die Fenster der Seele.« Die Gedanken und das Sehen im Augenblick – im Hier und Jetzt –, vermittelt uns Hildegard, zeigen sich im Gesicht und der Sprache eines Menschen. Schaue ich auf meine Erfahrungen, dann erlebe ich im Alltag wenig freudige Gesichter. Überall, wo bewusst Schönheit gesehen wird, verändert dies die Situation. Wo Gedanken des Friedens und der Freude, der Tugenden, durch Achtsamkeit Raum bekommen, verändert sich das Gesicht der Menschen.
Schönheit regt zur Freude an; Naturschauspiele waren für Hildegard eine große Freude: die Schönheit von Menschen, Tieren, von Blüten und Pflanzen, von ganzen Landschaften (zum Beispiel die Schwäbische Alb in der Obstblüte, die begrünten Vulkankegel des Hegau und der Bodensee oder das Rheingau vor der Traubenlese). Noch (weitgehend) unberührte Naturschönheit – wie zum Beispiel von Wasserfällen, der Berge und des Meeres – ruft oft Staunen und Begeisterung hervor und bewirkt in mir eine heilige Ehrfurcht. Ein Mensch, der Freude ausstrahlt, ist eine große wandelnde Kraft, gerade für den Mitmenschen, schreibt Hildegard: »Erkennt der Mensch aber die Freude, die ihm von einem anderen entgegenkommt, dann empfindet er in seinem Herzen ein großes Entzücken. Denn dann erinnert sich die Seele, wie sie von Gott geschaffen ist.«
Hildegard liebte den Sonntag. Sie feierte ihn als siebten Schöpfungstag, an dem Gott ruhte, und als Auferstehungstag. In ihren Klöstern trugen die Schwestern weiße Kleider, schmückten sich mit Blumenkränzen und offenem Haar, um die Freude und die Verbundenheit mit Christus zu zeigen.
Kraftort Garten
Das Abbild der kosmischen Natur ist für Hildegard der Garten, in dem jede Pflanze sich ihren Platz wählt oder bekommt. An allen Lebensorten Hildegards finden wir einen Garten. »Die Kräuter bieten mit ihren Blüten anderen Kräutern ihren Duft an, und ein Stein gibt dem anderen seine Feuchtigkeit.« Hildegard geht davon aus, dass Pflanzen uns Kraftorte zeigen können. Hildegard hat durch die Lebendigkeit der Pflanzen einen Zugang zu den Heilmitteln. So kann es sehr heilsam sein, sich mit dieser Lebendigkeit zu umgeben. Allein den Blick auf das grüne Gras bezeichnet sie als heilsam und aktivierend. Derweil kann der Kontakt zur Erde sehr wichtig sein, indem wir sitzend ausruhen oder mit unseren Sinnen eine grüne Wiese im Liegen erleben. Das Essen von Petersilie und grünen Kräutern wie Basilikum ist appetitanregend und ermuntert, erneut auf die Grünkraft zu vertrauen. Die frische grüne Kraft aus Heilkräutern – wie zum Beispiel Bohnenkraut, Ysop, Thymian und Liebstöckel – verwendet Hildegard bewusst, um die Vitalität und Lebendigkeit des Körpers zu stärken. Sie ist davon überzeugt, dass die Grünkraft im Menschen direkt mit der göttlichen Schöpfer-Kraft verbunden ist.
Die Texte stammen aus »Annette Heizmann, Der Hildegard-Code. Neun heilsame Wege«.
