Die Zeit – Ein rätselhaftes Phänomen

Seit wann und wie messen wir die Zeit? Wie hat sie unser Wirtschaften ermöglicht? Diesen und mehr Fragen gehen Harald Lesch, Ursula Forstner und Karlheinz Geißler in ihrem neuen Buch auf den Grund.

Interview Achtsamkeit Gesellschaft

»Die Zeit ist das, was uns immer narrt, und wir kommen ihr nicht auf die Schliche«, wusste bereits der Philosoph Schopenhauer

Und in der Tat: Zeit ist eines der rätselhaftesten Phänomene, die wir kennen: So banal und alltäglich einerseits – so unbegreiflich, wenn man ihr auf den Grund zu gehen versucht. Diesen Versuch haben der Astrophysiker Harald Lesch, der Zeitforscher Karlheinz Geißler und die Philosophin Ursula Forstner unternommen.

Lebe gut: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch über die Zeit zu schreiben?

Harald Lesch: Das Thema Zeit ist in aller Munde, auch wenn fast niemand darüber spricht. Man hört nur von Zeitnot, Zeitmanagement und vor allem besseren Zeiten. Alfred North Whitehead und die Zeit sind eine tolle, hoch aktuelle Kombination.


Lebe gut: Zeit - als Maßeinheit bzw. naturwissenschaftliche Größe - in physikalischer Hinsicht zu betrachten liegt nahe. Aber weshalb auch die Betrachtung in philosophischer Hinsicht und wo verläuft die Grenze?

Harald Lesch: Philosophie ist eine Strukturwissenschaft über die Strukturen des Ganzen. Das Ganze vollzieht sich in Raum und Zeit. Alle Naturwissenschaft ist dann eben nur Teilphilosophie. In dem Moment, in dem man sich über methodische und inhaltliche Grenzen einer Einzelwissenschaft hinaus begibt, kommt man ganz automatisch auf die Agora, den philosophischen Marktplatz.

Lebe gut: Den großen, bereits 1947 verstorbenen Alfred North Whitehead in Ihre lebhafte Diskussion über die Zeit miteinzubeziehen, funktioniert ganz wunderbar. Wie sind Sie gerade auf diesen Philosophen und Mathematiker gekommen?

Ursula Forstner: Schön, dass Sie ihn »groß« nennen, darf ich Ihnen trotzdem unterstellen, dass Ihnen der Name Whitehead bis zu unserem Buch nichts sagte? Mir übrigens bis weit über die Hälfte meines Philosophiestudiums hinaus auch nicht. Und das ist schade! Denn er dürfe der letzte seiner Art gewesen sein, der letzte »große« Philosoph, der letzte, der versucht hat, alle Aspekte unserer Erfahrung in einer allumfassenden Kosmologie zusammenzubringen. Und da Whitehead zunächst einmal Mathematiker und Naturwissenschaftler war – seine philosophischen Werke verfasste er erst mit über 60 Jahren – widerspricht seine Theorie auch nicht der modernen Physik. Ganz im Gegenteil! Warum ihn dann trotzdem keiner kennt? Vielleicht, weil die Zeit der ganz Großen vorbei ist. Vielleicht aber auch, weil er seiner Zeit voraus war. Dann wäre jetzt die Zeit, ihn ins Jetzt und Hier zu holen: Eben das ist es, was wir mit unserem Buch versuchen.

Was ist Zeit?

Lebe gut: Schon immer wurde von uns Menschen das Verrinnen der Zeit als rätselhaftes Phänomen wahrgenommen. Weshalb?

Ursula Forstner: Ja, rätselhaft, undurchschaubar, unser Verstand kommt hier an seine Grenzen. Stellen wir uns doch nur einmal die Frage »Was ist Zeit?«. Augustinus antwortete darauf: »Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.« Das trifft es, meine ich, ganz gut: Wir haben intuitiv eine Vorstellung davon, was Zeit ist, aber schon der Versuch, es in Worte zu fassen, gelingt uns nicht, zumindest nicht auf Anhieb. Als vernunftbegabte Wesen, die ihren Verstand nicht einfach abstellen können, versuchen wir es aber weiter und müssen früher oder später zugeben, dass wir sie nicht fassen können, denn sie verrinnt, sie fließt dahin. Aber wir wissen nicht, woher sie kommt und wohin sie fließt. Ein existenzielles Rätsel, denn irgendetwas in uns mag sich mit dem Verrinnen der Zeit nicht abfinden: Das ist die alte Ur-Sehnsucht der Menschen nach Unsterblichkeit. Und wie Whitehead versucht, diese Sehnsucht nach Unsterblichkeit mit der modernen Physik zu versöhnen, ist zugleich genial und wunderschön.

Beim Thema »Zeit« endet schnell die Vorstellungskraft

Lebe gut: Wenn man grundlegend über das Phänomen Zeit nachdenkt, gelangt man recht bald zu einem Punkt, an dem der Kopf zu schwirren beginnt und die Vorstellungskraft endet: Uhren, die sich mit unterschiedlicher Geschwindigkeit bewegen, Gegenwart, die es eigentlich gar nicht gibt – weil sie ein unendlich kleiner Zeitpunkt ist zwischen Vergangenheit und Zukunft … Welche Erkenntnis haben Sie für sich selbst aus Ihrer Beschäftigung mit dem Thema Zeit gewonnen?

Ursula Forstner: Ob ich da gleich von Erkenntnis reden würde? Das wäre schön, aber vielleicht etwas zu ehrgeizig, da halte ich es lieber mit meinem Vorbild, dem stets bescheiden gebliebenem Whitehead. Er würde sagen, dass schon viel gewonnen ist, wenn uns, wie Sie es nennen, beim Nachdenken der Kopf zu schwirren beginnt. Das ist nämlich die Gelegenheit, sich von unseren herkömmlichen Denkweisen zu lösen, um endlich anzufangen, neu über etwas nachzudenken. Beim Phänomen Zeit bedeutet das für mich, dass ich mehr und mehr versuche, die ganze angeblich messbare Zeit als ein menschliches Konstrukt zu begreifen. Sekunden, Minuten, Stunden sind nicht natur- oder gar gottgegeben, sondern von uns Menschen gemacht. Es gibt keinen Grund, sich von ihnen versklaven zu lassen.

Harald Lesch: Ich bin viel langsamer geworden, nicht immer, aber immer öfter. Ich bin viel freundlicher geworden, gegenüber Verspätungen. Schließlich bin ich kein Herzchirurg. Ich bin sehr viel aufmerksamer geworden, wie gehetzt und hysterisch unsere Gesellschaft heute ist. Ich bin viel großzügiger geworden, gegenüber mir und anderen.


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Harald Lesch

Harald Lesch

Dr. Harald Lesch ist Professor für Theoretische Astrophysik an der Ludwig-Maximilians- Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in…

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Ursula Forstner

Ursula Forstner studierte Philosophie an der Hochschule für Philosophie München. Dort lernte sie den Naturphilosophen Alfred N. Whitehead (1861–1947) kennen und bringt nun seine »modern« anmutenden…

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Karlheinz Geißler

Karlheinz Geißler

Dr. Karlheinz Geißler ist Professor em. für Wirtschaftspädagogik an der Universität der Bundeswehr in München und Zeitforscher. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit der Zeit und lebt seitdem…

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