Das Ende eines Traums
Warum sich der sogenannte »American Dream« ausgeträumt hat. Ein Interview mit dem Theologe und Religionswissenschaftler Dr. Andreas G. Weiß
Aktuelles GesellschaftLebe gut: Make America great again – das war offensichtlich der Wunsch der Mehrheit der US-Amerikaner, die Donald Trump mit ihrer Stimme zur zweiten Präsidentschaft verholfen haben. Ist die USA tatsächlich nicht mehr groß? Nicht mehr großartig?
Andreas G. Weiß: Zunächst wäre wohl zu klären, was denn genau unter diesem »great« verstanden wird/wurde. Nicht nur Trump, sondern auch viele andere Politiker:innen verwenden diese Sprachform, ohne genau zu beschreiben, was denn früher so großartig war, heute aber nicht mehr so sei.
Tatsächlich hat sich in den letzten Jahrzehnten im Weltbild der USA und vieler BürgerInnen dort einiges geändert - und zwar vor allem in der Selbstwahrnehmung... noch bis in die 1980er Jahre war der Selbstanspruch, die uneingeschränkte Führungsrolle und der scheinbar unantastbare Wohlstand in den USA (zumindest wie er gerne nach außen präsentiert wurde) unhinterfragt. In den letzten Jahren sind jedoch Risse in diese Selbstverständlichkeit geraten: Problemzonen und Krisenherde werden nicht mehr nur weit weg von den USA wahrgenommen, sondern es gibt Terror, Armut, Gesundheitskrisen, etc. mitten im eigenen Land. Diese hatte es natürlich zuvor auch gegeben, aber in geringerem Ausmaß und es wurde weniger darüber berichtet. Nun ist diese nicht so positive Seite des amerikanischen Lebens, verbunden mit internationalen Konkurrenzen, Wirtschaftskrisen und alternative Bündnisse auf erschütternde Weise ins Bewusstsein vieler US-Kreise gekommen. Trump erscheint hier oftmals nicht als das »politische Genie«, als das er sich gerne selbst sehen würde, sondern eher die »Alternative« von außen, die das bisherige politische Establishment ersetzen könnte.
Klar ist: Das Selbstbild der USA bröckelt, Trump ist dabei nicht die Ursache, wohl aber ein Symptom dieses Umsturzes.
Wie Trump mit den Ängsten der Bevölkerung spielt
Lebe gut: Nach wie vor ist die MAGA-Bewegung stark – und scheint mit ihren Themen den Nerv vieler Bürger zu treffen: illegale Migration, der drohende Mehrheits- und damit Machtverlust der traditionellen weißen US-Amerikaner, ein weitverbreiteter Wokeismus … Handelt es sich dabei um reale Probleme – oder spielt Trump nur mit diffusen Ängsten?
Andreas G. Weiß: Wie so viele populistische PolitikerInnen ist Trump ein Meister darin, die Orientierungslosigkeit der Menschen zwischen realen Ängsten, diffusen Befürchtungen und vielfachen Veränderungen in der Gesellschaft auszunutzen. Weltweit bringt das 21. Jahrhundert so viele neue Technikformen, Lebensweisen, globalisierte Probleme etc. mit sich, dass viele Menschen schlichtweg überfordert sind und nach einem Anker suchen. In den USA, in denen die Säkularisierung noch einmal schneller voranschreitet als in anderen Teilen der Welt, wird das Religiöse oftmals als noch ein letzter Anker gesehen.
Trump nutzt dies aus, in dem er das Religiöse politisch besetzt und an seine eigene Person bindet. Damit inszeniert er sich als quasi »letzte Hoffnung« für die früheren Weltbilder. Es stimmt, viele der Krisen und Themen, die in der US-Politik hochgespielt werden, sind nicht in diesem Ausmaß real, wie sie präsentiert werden. Die Ängste vieler Menschen jedoch sind real - und Trump adressiert diese. Das macht ihn noch einmal gefährlicher - er braucht die Probleme nicht lösen, er muss sie nur hochspielen und als enorm gefährlich darstellen... das reicht, damit er Profit daraus schlagen kann.
Der Unterschied zwischen Ronald Reagan und Donald Trump
Lebe gut: Bereits bei Ronald Reagan waren nicht wenige über sein konservatives Weltbild und sein Säbelrasseln entsetzt. Was unterscheidet Trump von Reagan?
Andreas G. Weiß: Reagan war immer noch sehr stark in das klassische christliche Welt- und Wertebild eingebettet - und er war in vielen Dingen strategisch klarer einzuordnen als Trump. Zwar konnte man sich auch bei Reagan nicht immer sicher sein, ob er der devote Christ ist, als der er sich inszenierte, aber zumindest war seine Biografie in zahlreichen Punkten authentischer als die von Trump.
Trumps Politik ist, auch was das religiöse oder konservative Wertesystem angeht, enorm sprunghaft und unberechenbar - er lässt sich nicht vor den Karren einer bestimmten Gruppe spannen und nicht auf ein Versprechen, Wertefundament oder Weltbild festlegen.
Bei Reagan war immer noch klar: Die USA sind im Kalten Krieg mit der UdSSR und sehen sich als Speerspitze gegen den Atheismus. Dieser einzelne übermächtige Gegner ist nun weggefallen, gleichzeitig sind viele Krisen in den USA hausgemacht bzw. die Gründe dafür werden nicht in einem ausländischen Imperium gesucht, sondern in den Gegnern im eigenen Land.
Kollektiver Selbstzweifel in der amerikanischen Bevölkerung
Lebe gut: Der Titel Ihres Buchs anlässlich des 250. Geburtstags der USA lautet »Das Ende eines Traums«. Ist der vielzitierte »American Dream« tatsächlich ausgeträumt – oder hat er sich nicht einfach nur verändert?
Andreas G. Weiß: Der American Dream bzw. die Rede davon hat sich immer verändert - in allen Krisenzeiten (Bürgerkrieg, Weltkriege, Wirtschaftskrisen, etc.). Was wir jetzt erleben, ist die zunehmende Erosion des amerikanischen Selbstbewusstseins, dass der Traum sich auf neue Problemhorizonte einstellen kann. Es war immer klar, dass sich die USA neuen Herausforderungen stellen müssen und sich das Lebensideal darauf einstellen würde... aber nun erleben wir einen angstbesetzten Rückzug auf ein scheinbares Ideal vergangener Tage - wobei nicht einmal sicher sein kann, ob es diese heile Welt des amerikanischen Traums je gegeben hat. Insofern ist die derzeit wahrnehmbare Stimmung mehr als eine Veränderung - es ist ein kollektiver Selbstzweifel, ob man überhaupt noch zukunftsfit bleiben kann. Und in diese Angst stößt die MAGA-Bewegung hinein mit ihren quasireligiösen Heilsversprechen.
Lebe gut: Sehen Sie einen neuen amerikanischen Traum am Horizont, eine neue Vision? Ein neuer Spirit, der die Nation sich wieder um die Flagge scharen lässt?
Andreas G. Weiß: Ich glaube, man muss ganz ehrlich zugeben, dass sich der amerikanische Traum als nationale Erzählung und großes Kollektiv enorm lange gehalten hat... aber solche Massen-Träume als Umfassung einer ganzen Nation halten immer weniger. Kollektive werden fragiler, sie werden polarisiert und die Wahrnehmung nach innen und außen immer weniger homogen. Das betrifft auch andere Größen (Kirchen, Kulturen, Gesellschaften, Staaten). Ich denke, es ist notwendig, die menschliche Lebenskraft und die Quellen friedlichen Zusammenlebens nicht mehr in den großen Träumen, sondern in den scheinbar kleinen und banalen Alltagswelten zu suchen.
Insofern kann der amerikanische Traum sehr wohl neu wachsen, dann aber nicht an den Prachtstraßen der 5th Avenue, der »National Mall« in Washington oder am »Strip« in Las Vegas - sondern vielleicht in den sozialen Nachbarschaftsbeziehung in den Suburbs, in kultur- und ethnienübergreifender Solidarität, im einzelnen Kleinen, in der Lebens- und Familiengeschichte von MEnschen, die am eigenen Leib erfahren, dass ihre Ängste nicht so groß sind, als sie von populistischen Gruppen gern groß geredet werden. Dann kann der Traum wieder ein Identifikationssymbol werden, nicht um eine apersonale Flagge als unantastbares Heiligtum, sondern als alltäglich erlebbare Hoffnung, Zuversicht und Mitmenschlichkeit.
Dieses Interview wird in unserem Kundenmagazin Frühjahr 2026 erscheinen.
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