Autismus zwischen Fiktion und Realität
Autist:innen faszinieren – in Romanen, Filmen und Serien ebenso wie im wirklichen Leben. Doch was hat dieses Bild mit der Realität zu tun? Ein Interview mit Dr. Ulrich Merkl.
Aktuelles Krankheit GesellschaftRund ein Viertel aller Autist:innen befindet sich im stark beeinträchtigten Bereich des Spektrums (Typus Rain Man). Diese Menschen sind nicht zu einem selbstständigen Leben fähig und auf dauerhafte Betreuung angewiesen; in Romanen und Filmen kommen sie so gut wie nie vor. Ein anderes Viertel liegt am anderen, »hellen« Ende des Spektrums: die sogenannten Asperger- oder hochfunktionalen Autist:innen. Viele von ihnen führen ein weitgehend eigenständiges Leben, sind berufstätig und erscheinen nach außen eher »anders« als »behindert«. Fiktive Autist:innen in Literatur und Film – und damit die Figuren dieses Buches – gehören fast ausnahmslos zu dieser Gruppe. Wenn im Folgenden von »Autismus« die Rede ist, ist stets diese Variante gemeint.
Lebe gut: Weshalb faszinieren uns Autisten? Was haben sie, was Nichtautisten fehlt?
Ulrich Merkl: Autisten faszinieren, weil sie so ganz anders sind. Schon als Kinder haben sie die intellektuelle Reife von Erwachsenen. Sie sind unabhängig von Gruppenzwang, Konventionen, Emotionen, halten sich ausschließlich an Fakten und Logik. Sie tun nicht, was »man« tut, sondern was sie für richtig halten. Sie haben die Fähigkeit, enorme Informationsmengen zu speichern und komplexe Zusammenhänge in kürzester Zeit zu erfassen, sind originell und kreativ. Sie haben höchste moralische Werte, lügen und betrügen nicht, denken nicht an den eigenen Vorteil. Auf »normale« Menschen wirkt ein solches Verhalten befremdlich und kaum nachvollziehbar – weshalb Autist:innen in der Literatur oft als »Außerirdische« oder als Wesen »von einem anderen Planeten« beschrieben werden.
Will man die Formulierung verwenden, so »fehlt« beiden Gruppen etwas: Den Nichtautisten fehlt oft die Fähigkeit, zwischen Logik und Emotionen zu trennen und eine nüchterne Meta-Ebene einzunehmen – was oft zu irrationalem Handeln führt. Den Autisten wiederum fehlt die sozial-kommunikative Geschmeidigkeit – das Resultat ist soziales Scheitern. Da sich beide Gruppen in ihrem Wesenskern nicht ändern können, wäre es am klügsten, sie nicht als Gegensätze zu begreifen, sondern als einander ergänzende Puzzleteile, die erst gemeinsam ein sinnvolles Ganzes ergeben. Anstatt einander Defizite vorzuhalten, sollten Neurotypische und Autisten voneinander lernen.
Autismus: ein popkulturelles Phänomen in Romanen, Filmen und Serien
Lebe gut: Was ist das Besondere in der Charakterisierung von Autismus im Kontext der Popkultur? Und entspricht das Bild, das dort von Autisten gezeichnet wird, überhaupt der Realität?
Ulrich Merkl: Bis etwa 2005 verfügten nur wenige Drehbuchautor:innen über eine fundierte Autismus-Expertise. Entsprechend reproduzierten sie vor allem Stereotype aus bereits existierenden Filmen, ohne ein klinisch stimmiges Bild anstreben zu wollen. Stattdessen kombinierten sie Symptome unterschiedlichster Störungen, um ihre Figuren möglichst interessant zu machen. So wurden Spleens, Phobien, Zwänge, Tics und Neurosen in einer Weise kumuliert, dass kaum mehr erkennbar ist, wo eine Störung endet und die nächste beginnt. Entstanden sind hybride Kunstfiguren mit hohem Unterhaltungswert, die es im echten Leben aber nicht gibt. Beispiele wären Raymond Babbitt (Rain Man), Forrest Gump, Adrian Monk, Sheldon Cooper (The Big Bang Theory) oder Wednesday Addams (in der Netflix-Serie ab 2022). Wie aber soll man Figuren einordnen, über deren Charakterprofil sich schon ihre Autor:innen nicht im Klaren waren.
Erst ab etwa 2005 begegnet man häufiger Filmschaffenden, die über genuine Autismuskenntnisse verfügen – sei es, weil sie selbst betroffen sind oder weil Autismus zu ihrem persönlichen Umfeld gehört. In der Folge entstanden einige sehr gute Filme und Serien, die ein respektvolles und überwiegend zutreffendes Bild vermitteln: Mark Haddons Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone (2003; der Autor arbeitete als junger Mann mit behinderten Kindern), Mozart und der Wal (2005; nach realen Personen), Der Geschmack von Schnee (2006; der Sohn der Drehbuchautorin ist Autist), Ben X (2007; nach wahren Ereignissen), Parenthood (2010–15; der Sohn des Erfinders und Co-Autors ist Autist), Please Stand By (2017; Coaching durch eine Autismus-Expertin), Atypical (2017–21; Coaching durch eine Autismus-Therapeutin), Addie und wie sie die Welt fühlt (2023; Autorin und Hauptdarstellerin sind selbst autistisch) sowie Wochenendrebellen (2023; nach realen Personen und Ereignissen). Enthält eine Liste der fünfzig besten Romane, Filme und Serien.
Fast alles, was die breite Öffentlichkeit über Autismus und andere psychische Störungen zu wissen glaubt, stammt aus fiktionalen Unterhaltungsformaten, denen auf diesem Gebiet erstaunliche Kompetenz zugeschrieben wird. Dabei bleibt oft unbeachtet, dass Film- und Fernsehautist:innen keine Tatsachenberichte sind, sondern erfundene Figuren. Ein Publikum ohne eigene Berührungspunkte mit Autismus vermag Realität und Fiktion aber oft nicht klar zu trennen und übernimmt darum fehlerhafte Darstellungen als Referenz für die Wirklichkeit – etwa das notorische fotografische Gedächtnis, das selbst unter Autist:innen extrem selten ist. Autismus realitätsnah darzustellen, ist daher mehr als eine Frage des Anstands: Film und Fernsehen tragen hier eine große aufklärerische Verantwortung, der sie nur selten gerecht werden.
Doch selbst, wenn ein Autor über Autismus-Expertise verfügt, bleibt ein Grundproblem: Welche der unzähligen Varianten des Autismus-Spektrums soll eine Figur verkörpern? Autist:innen sind ebenso vielfältig und widersprüchlich wie »normale« Menschen; keine einzelne Figur kann das gesamte Spektrum repräsentieren. Ella Schön unterscheidet sich grundlegend von Temperance Brennan, Leander Lost grundlegend von Sherlock Holmes – und dennoch sind alle vier glaubwürdige Darstellungen hochfunktionaler Autist:innen.
Überdies stehen alle Filme mit autistischen Figuren vor demselben Dilemma: Die Eigenheiten müssen prägnant genug sein, um die Figur erzählerisch von den »Normalen« abzuheben; zugleich dürfen sie aber nicht so stark überzeichnet werden, dass Authentizität und Wertschätzung verloren gehen.
Lebe gut: Weshalb schlägt sich gerade Autismus auf besondere Art und Weise in der Popkultur nieder – im Gegensatz zu vielen anderen psychischen Störungen?
Ulrich Merkl: Anders als Schizophrene, Depressive oder Zwangserkrankte werden Autist:innen nicht ausschließlich als »krank« oder »defekt« inszeniert. Zum Autismus gehören – in der Realität wie im Film – nämlich auch Begabungen und sympathische Eigenschaften. So wie Asperger-Autist:innen im wirklichen Leben mit Intelligenz, Humor, Charme und sachlicher Höflichkeit punkten, haben auch Drehbuchautor:innen und Publikum den »Autisten« ins Herz geschlossen: Naiv, aber klug. Eigensinnig, aber gutmütig. Skurril, aber kreativ. Schusselig, aber ehrlich. Etwas langweilig, aber auch erfrischend anders. Autisten sind weder gefährlich noch gewalttätig. Genau wie ihre realen Vorbilder sind auch die Film-Autist:innen fast immer die Harmlosen, Naiven, Guten – kreative Nerds, originell, hilfsbereit, etwas weltfremd, aber sympathisch.
Autismus kein Mangel, sondern eine Superkraft
Lebe gut: Sehen Autist:innen ihren Autismus tatsächlich als eine Störung – in der Literatur wird immerhin von einer »tiefgreifenden neurologischen Entwicklungsstörung« gesprochen – oder nur als ein Anderssein? Empfinden sie ihn als Mangel – oder sogar als Bereicherung?
Ulrich Merkl: Autismus ist keine Krankheit, sondern eine angeborene neuropsychologische Disposition. Er gehört zur Persönlichkeit, genau wie Geschlecht, Augenfarbe oder Stimme. Viele Autist:innen empfinden ihn daher nicht als Defizit, sondern als Bestandteil ihrer Identität. Ähnlich wie homosexuelle Menschen nicht heterosexuell sein wollen, Linkshänder nicht rechtshändig sein möchten oder blinde Menschen ihre Wahrnehmungsweise oft nicht als Mangel begreifen, weil sie von Geburt an nie anders waren. Ließe sich Autismus »wegoperieren«, dann bliebe von der ursprünglichen Persönlichkeit nicht viel übrig – die Betroffenen wären nicht mehr sie selbst.
»Behinderung« oder »Defizit« liegen nicht allein im Individuum, sondern vor allem in den Zumutungen der Gesellschaft. Die meisten Autist:innen erleben sich in den eigenen vier Wänden nicht als behindert; »falsch« oder »fehlerhaft« werden sie erst in dem Moment, in dem sie den sozialen Raum betreten. Im inneren Erleben ist Autismus kein Mangel, sondern eine Superkraft: Scharfsinn, Intelligenz, Kreativität, intensive Wahrnehmung, Unabhängigkeit von Emotionen und Mainstream, eine konsequent faktenbasierte Weltsicht. Nach außen hingegen, im Alltag, kann Autismus gravierende Folgen haben: sozial-kommunikative Brüche, Missverständnisse, gesundheitliche Belastungen, Depressionen, Arbeitslosigkeit, Verarmung und Isolation.
Lebe gut: Welcher der von Ihnen genannten Spielfilme und welcher Schauspieler stellt für Sie Autismus am überzeugendsten dar?
Ulrich Merkl: In chronologischer Reihenfolge:
Adam Sandler als Barry Egan in Punch-Drunk Love (2002)
Greg Timmermans als Ben in Ben X (2007)
Claire Danes als Temple Grandin in Temple Grandin – Du gehst nicht allein (2010)
Karina Logue als Judy in In Plain Sight – In der Schusslinie, 3/10, »Gewinner und Verlierer« (2010)
Dakota Fanning als Wendy in Please Stand By (2017)
Alexandra Borbély als Mária in Körper und Seele (2017)
Dirk Martens als Sebastian Lechner in Der Bergdoktor 10/4, »Zurück ins Leben« (2017)
Cecilio Andresen als Jason in Wochenendrebellen (2023)
Lebe gut: Von den vielen bekannten Persönlichkeiten, die Sie in ihrem Buch als von Autismus Betroffene beleuchten – welcher Prominente beeindruckt Sie am meisten und weshalb?
Ulrich Merkl: Ludwig van Beethoven: nicht nur als Komponist, sondern auch als Mensch. Er war radikal authentisch, ehrlich und prinzipientreu – wodurch er es sich mit allen verdarb und am Rande des Existenzminimums lebte. Thomas Jefferson: Als dritter US-Präsident traf er Entscheidungen, von denen die USA bis heute profitieren. Glücklicherweise gab es damals noch kein Fersehen – Jefferson dort wäre aufgrund seiner autistischen Eigenheiten rasch gescheitert. Greta Thunberg: Durch ihren Mut, ihre Geradlinigkeit und ihre Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Konventionen hat sie Großes bewirkt. Und bitte nicht erschrecken: Elon Musk: Ich verachte seine reaktionäre Gesinnung, seine Nähe zu Trump, seine sozialen Grausamkeiten, aber als Unternehmer, Ingenieur und technologischer Visionär ist er ein Ausnahmegenie, dessen weltverändernde Leistungen vielfach unterschätzt werden.
Autismus: eine Modediagnose?
Lebe gut: Burnout, ADHS, Narzissmus … Unsere Öffentlichkeit ist, so scheint es, geradezu süchtig nach immer neuen psychischen Auffälligkeiten, die umgehend »gelabelt« und medial breit beleuchtet werden – was ihnen prompt die Aura des Wichtigen gibt. Und was früher eher schambesetzt war, gilt heute schon beinahe als chic. Haben Sie den Eindruck, dass sich Autismus in diese Riege der Modediagnosen einreiht?
Ulrich Merkl: Dass Autismus in den letzten Jahrzehnten häufiger diagnostiziert wird, liegt nicht an einem Anstieg der Betroffenen oder an einer Verwässerung des Begriffs, sondern am wachsenden gesellschaftlichen Bewusstsein, am verbesserten Wissen und daran, dass immer mehr Betroffene im Erwachsenenalter diagnostiziert werden. Früher wie heute waren und sind mindestens 1,5 % aller Menschen von einer Form des Autismus betroffen (vielleicht sogar bis zu 3 %); es fehlten lediglich passende Diagnosekriterien und die Terminologie. Was einst als »Schrulligkeit« galt, wird heute als Ausdruck von Neurodiversität verstanden. Wer früher als »Nerd«, „Spinner“ oder »Exzentriker« galt, wird heute häufig dem Autismus-Spektrum zugeordnet.
Autismus wird oft als »Modediagnose« abgetan, weil einzelne Merkmale auch bei neurotypischen Menschen vorkommen – etwa Rückzugsbedürfnis, eine Abneigung gegen Berührungen oder erhöhte Geräuschempfindlichkeit. Aussagen wie »Wenn Autisten Stifte der Größe nach ordnen, ist mein Opa auch autistisch« greifen jedoch zu kurz. Für eine Diagnose genügt ein einzelnes Merkmal nicht: Bei Autist:innen ist ein ganzer Cluster von etwa 20 bis 30 Symptomen dauerhaft präsent und prägt ihr Leben entscheidend.
Autismus ist ein hochkomplexes Phänomen – Jahre intensiven Studiums sind erforderlich, ihn auch nur ansatzweise zu verstehen. Wirklich kompetent sind nur hochspezialisierte Psychotherapeut:innen und die Betroffenen selbst. Alle anderen sollten diesen Experten zuhören, statt eigene Theorien zu entwickeln. Das populärpsychologische und pseudowissenschaftliche Geplapper in sozialen Medien ist verantwortungslos, irreführend und schädlich.
Allen Nichtautisten, die sich für zu »normal« oder zu »durchschittlich« halten und sich ein besonderes Label wünschen, sei gesagt: Es gibt keinen Grund, autistisch sein zu wollen. »Normale« Menschen wissen nicht, wie gut es ihnen geht und wie privilegiert sie sind – weil sie in einer Gesellschaft leben, die von und für Nichtautisten gestaltet wurde.
Lebe gut: Wie bewerten die Menschen auf dem Autismus-Spektrum das Bild, das von ihnen in den Medien gezeigt wird?
Ulrich Merkl: Um sich nicht in die Nesseln zu setzen, vermieden viele Drehbuchautor:innen die explizite Bezeichnung »Autist«, selbst wenn die Figur eindeutig autistische Züge trägt. Das wird von vielen Betroffenen kritisiert. Sie sagen nämlich, sie hätten ihre Diagnose schon viel früher erhalten, wenn Figuren wie zum Beispiel Temperance Brennan (Bones) oder Sheldon Cooper (The Big Bang Theory) offen als autistisch benannt worden wären.
Ebenso problematisch ist, dass fast immer nur die lustigen oder positiven Seiten gezeigt werden. Aber Autismus ist nicht nur nett – er kann brillant, magisch und inspirierend sein, aber auch Schreien, Verletzen, Leiden, Konflikte, Depression, Isolation und Armut bedeuten. Die Mutter eines autistischen Jungen nannte diese verklärende Darstellung »cute autism« – also »Wohlfühl-« oder »Ach wie süß!-Autismus«. Wir brauchen mehr qualifizierte Autor:innen, die autistische Figuren auf Basis der ungeschönten Realität zeichnen.
Dieses Interview wird in unserem Kundenmagazin Frühjahr 2026 erscheinen.
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