Türchen 22 – Ein Weihnachtslied und seine Geschichte

Wussten Sie, dass der Text des weltbekannten Weihnachtsliedes »Tochter Zion« zunächst für den Palmsonntag gedacht war? Entdecken Sie zusammen mit Hans-Jürgen Hufeisen dieses weihnachtliche Lied und stimmen Sie sich mit uns auf Weihnachten ein

Advent Weihnachten Inspiration Glaube

Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir,
ja, er kommt, der Friedefürst.
Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!

Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!
Gründe nun dein ew’ges Reich,
Hosianna in der Höh!
Hosianna, Davids Sohn,
sei gesegnet deinem Volk!

Tochter Zion freue dich!
Hol ihn jubelnd zu dir ein.
Sieh! er kömmt demüthiglich;
reitet auf dem Eselein,
Tochter Zion freue dich!
Hol ihn jubelnd zu dir ein.

Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!
Ewig steht dein Friedensthron,
du des ew’gen Vaters Kind.
Hosianna, Davids Sohn,
sei gegrüßet, König mild!

Das Londoner Opernhaus, der Wiener Palais und ein bürgerlicher Salon in Erlangen sind die Stationen eines Liedes, das schlussendlich zu einem der berühmtesten Weihnachtslieder wurde: Tochter Zion, freue dich. Ein Weihnachtshymnus mit strahlendem Glanz. Die Karriere beginnt in London am 9. März 1748 im Royal Opera House. Georg Friedrich Händel dirigierte sein neues Oratorium Joshua. Der darin enthaltene grandiose Siegeshymnus Seht! Er kommt, mit Preis gekrönt (See the conqu‘ring hero comes) baut der Komponist drei Jahre später in sein späteres Werk Judas Maccabäus nochmals ein. Auch hier passen Text und Musik zum feierlichen Einzug der Kriegshelden.

Seht! Er kommt, mit Preis gekrönt,
feiert, Posaunen, den Empfang!
Rings um den Erretter tönt
der Befreiten Sieg’sgesang!
Seht! Er kommt, mit Sieg umringt,
Flöten tönt, belebt den Tanz!
Myrtenzweig’ und Rosen schlingt
in des Jünglings Lorbeerkranz!

Keiner der damals mitwirkenden Musiker und der Komponist selbst hätten sich träumen lassen, dass die Musik fast hundert Jahre später zu einem noch größeren Erfolg antreten würde. Doch bevor der deutsche Text Tochter Zion entstand, befasste sich kein Geringerer als Ludwig van Beethoven mit Händels Chorsatz und verfasste 1796 dazu zwölf Variationen für Violoncello und Klavier. Er schenkte die Musik seiner Gönnerin Christiane von Lichnowsky, in deren Palais er den Chorsatz vermutlich zum ersten Mal gehört hatte – bei der Aufführung von Händels Judas Maccabäus am 15. April 1794.

Vielleicht hatte Beethoven den Chorsatz als Weltenjubel verstanden. Ich selber stehe bei Händels Chorwerk ergriffen vor dem Wunder unübertrefflicher Einfachheit und zugleich großer Erhabenheit. Freilich liegt das nicht nur an der schlichten Sprache dieser Töne, vielmehr erleben wir die Klarheit, mit der Händel die Töne formt – himmelsstark und erdennah zugleich. Vielleicht liegt darin die Verzauberung, die davon ausgeht. Das Werk war ja für den Konzertsaal, nicht für den Gottesdienst geschrieben. Aus dem Chorwerk spricht der staunende Jubel weltoffener Menschen.

NEUE WORTE IM ALTEN LIED

Jahre später, 1826, sollte ein Salon in Erlangen der erste Austragungsort von Händels Chorsatz mit einem neuen Text werden: Tochter Zion. Verfasser ist der Theologe und Seelsorger Friedrich Heinrich Ranke. Wenn wir die vier Strophen der neuen Textdichtung genauer anschauen, dann eröffnet sich ein Geheimnis. Der Dichter spielt mit zwei Themen: Es ist die Aufforderung zur Freude und die Antwort mit dem Jubelruf.

Damals war das geistliche Lied für den Palmsonntag vorgesehen. Ich höre die alten Worte von Erwartung und Freude, die der Prophet Sacharja vor langer Zeit aufgeschrieben hat:

»Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem,
jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter
und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem
Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in
Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen
soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den
Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis
zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde«
(Sacharja 9,9-10).

Sieh! Er kömmt demütiglich;
reitet auf dem Eselein.
Tochter Zion, freue dich!
Hol ihn jubelnd zu dir ein.

Diese Liedstrophe ist in den heutigen Liederbüchern gänzlich verschwunden. Schade, dass der Vers mit dem Esel nicht mehr erklingt. Denn die fehlende Strophe zeugt von einer anderen Sichtweise im Zusammenspiel von Jubel und Macht.

TOCHTER ZION UND DAS ESELEIN

Sehr gut kann ich mir vorstellen, wie das ist, mit einem Esel durch eine Stadt zu reiten. Vor einigen Jahren besuchte ich Petra, die historische Felsenstadt in Jordanien. Ein Wunder von poetischem Zauber, von herber Schönheit und spiritueller Kraft! Wie eine goldene Fata Morgana taucht in der Wüste Jordaniens aus der Tiefe der Geschichte Petra auf, die sagenumwobene, in roten Felsen gemeißelte Königsstadt der Nabatäer. Rot ist der Stein der Felsen, mit Streifen von Rosa, Ocker, Schwarz, Violett und Malve. Nur eine einzige enge Felsenschlucht erlaubt den Zugang zu diesem geheimnisvollen Ort, Petra, der Felsenstadt.

Heiß war es, als ich die Schlucht zum ersten Mal betrat. Ich traf auf einen Jungen, der mit dem Esel durch die Schlucht ritt. Ich fragte ihn, ob er noch einen Esel hätte, damit ich leichter durch Sand und Hitze die Altstadt Petra erreichen könnte. Er bot mir seinen Esel an. Und zu dritt folgten wir der Schlucht bis hin zum zauberhaften Anblick des Schatzhauses Khazne al-Firaun. Vor uns erhoben sich Hallen, Paläste, Tempel, Kirchen, Schatzhäuser, Thermen und Theater.

Eine Woche lang weilte ich in der Ruinenstadt Petra, und immer dabei der Junge mit seinem Esel. Inzwischen führte er meinen Esel nicht mehr, auf dem ich saß. Er selbst ritt neben mir oder vor mir her oder hinter mir. Ich lernte immer mehr, dem Esel Vertrauen zu schenken. An einem frühen Abend war es soweit, dass wir von dem oberen Tempel bis ins Tal nach Petra zurückmussten. Es waren einige Kilometer, und die Dämmerung setzte ein. Mein Esel wusste, wo es lang ging, ich vertraute ganz und gar seinem sicheren Tritt. Am Schatzhaus im Tal angekommen, wartete der Vater des Jungen. Er führte uns hinein in das Schatzhaus – eigentlich eine Totenstätte. Er bot mir im Tempel einen Platz an und bat mich, für ihn und seine Ahnen eine Musik zu spielen. Er breitete einen Teppich aus, auf dem er eine kostbare, mit Intarsien geschmückte Schatulle öffnete. Darin lag reinster Weihrauch aus Südarabien. Eine Kerze wurde in die Mitte gestellt, der Weihrauch entzündet. Stille kehrte ein.

Erinnerungen und Gedanken stiegen in mir auf: Die überlieferte Geschichte von Jesus, der auf einen Esel ritt und Jerusalem erreichte. Gar nicht weit von diesem Ort entfernt. Wer auf einem Esel reitet, ist weder Krieger noch Sieger. Wer auf einem Esel die Stadt erreicht, trägt in sich Frieden und Vertrauen. Ein Esel hat auch die schwangere Maria von Nazareth nach Bethlehem getragen. Ein Esel trug Maria und ihr Kind nach Ägypten, auf der Flucht schutzsuchend vor den Machthabern.

Im Schatzhaus von Petra saßen wir drei nun am Abend im Tempel bei Kerzenschein, umgeben vom Duft des Weihrauchs. Draußen warteten die zwei Esel, sie hatten Futter und Wasser. In mir stieg große Freude auf, die mich zur Flöte greifen ließ. Auch der Klang von Tochter Zion erfüllte den großen Tempelraum. Freude nahm Raum. Der Flötenklang wurde hinausgetragen durch das große offene Tor, hin zu den Tälern und Bergen und hinein in die Stadt Petra. Das war für mich ein heiliger Abend.

Aus dem Buch