Wie ein Schmetterling auf meiner Hand ...
Ein anregender Impuls, das eigene Leben und den Umgang mit Krisen neu zu betrachten – und darin überraschend Sinn zu entdecken.
Inspiration Lebenshilfe ErmutigungLeidvolle Situationen vertragen keinen billigen Trost. Aber auch leidvolle Situationen können positive Auswirkungen haben. Lukas Niederberger begleitet viele Menschen in Not. Und auch mit seiner eigenen Leidensgeschichte geht er offen um. Dabei hat er gelernt, Leidenssituationen aus ungewohnten Blickwinkeln neu zu sehen. Und er hat die Erfahrung gemacht, dass Leid uns nicht überwältigen muss – sondern sogar weiterbringen kann. Sinn herbeizureden, wo Empörung am Platz wäre, hilft jedoch nicht weiter. Sinn kann sich jedoch wie ein Schmetterling unverhofft auf uns niederlassen, gerade weil wir im Leiden nicht nach Sinn jagen.
Textauszug:
»Dieses Buch überrascht. Es fragt nach einem Sinn im Leben, wo er sonst kaum gesucht wird. Die Sinnfrage zielt in der Regel auf Werte, die mit Erfüllung und Glück, aber nicht mit Leiden in Zusammenhang gebracht werden. Leiden soll möglichst vermieden werden, um sinnvoll leben zu können. Zwar kann Leiden als Anlass genommen werden, um die Sinnfrage zu stellen, aber nicht, um die Leiden zu lösen.
Lukas Niederberger gibt sich damit nicht zufrieden. Für ihn ist Leiden nicht nur ein Appell, sich und seinen Umgang mit der Umwelt zu verändern. Mitten im Leiden – so seine Erfahrung – kann sich auch Sinn offenbaren. Nicht dass Leiden sinnvoll wäre, aber in Leidensmomenten kann sich Sinn unverhofft aus einer neuen Perspektive erschließen. Davon zeugen 23 Beispiele, die Lukas Niederberger aus dem Leben greift. So kann sein erstes Beispiel, die Langeweile, nicht nur auf einen Mangel an Reizen und Interessen hinweisen. Sie kann als Anregung dienen, aufmerksamer und achtsamer für Kleines und Feines zu werden oder als akzeptierte »lange Weile« eine Voraussetzung für Kreativität und Spiritualität sein.
Wer die Anregungen von Lukas Niederberger annimmt, ist eingeladen, weiterzudenken und zu fragen, inwieweit die menschliche Leidensfähigkeit eine Bereitschaft und Offenheit voraussetzt, sich dem Leben in all seinen Facetten zu stellen. Würde sie fehlen, könnte sich der Mensch schwerlich mitfühlend mit anderen Menschen verbinden. Auch wäre zu bedenken, inwieweit die heute erhoffte Leidensunfähigkeit – ähnlich wie die erwünschte Unverletzlichkeit – die zwischenmenschliche und persönliche Entwicklung beeinträchtigen würde. Leidlose Menschen wären nicht nur vermehrt gegen außen abgegrenzt und in sich eingeschlossen. Sie hätten auch keine bewegende Geschichte und kein verletzbares Gesicht, das die Mitmenschen zur Übernahme von Verantwortung aufruft. Sie hätten zudem keinen Ansporn, die existenzielle Leere, die einigen im Buch angeführten Formen des Leidens zu Grunde liegt, zu überwinden.
Das heißt aber nicht, dass Leiden schöngeredet werden darf. Vielmehr muss alles dafür getan werden, schweres und anhaltendes Leiden zu verhindern. Die Anerkennung der Leidensfähigkeit des Menschen erlaubt keine Gleichgültigkeit, sondern kommt einem Aufruf zur sozialen Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit gleich. So verstehe ich auch dieses anregende Buch von Lukas Niederberger. Hier wird kein Sinn herbeigeredet, wo Empörung am Platzwäre. Das Buch hilft – basierend auf den langjährigen Erfahrungen des Autors – jedoch, Leidenssituationen bei sich selbst oder bei Mitmenschen aus ungewohnten Blickwinkeln neu zu sehen. Das ist umso wertvoller, da Lukas Niederberger viele Menschen in Not begleitet und auch mit seiner eigenen Leidenserfahrung offen um geht.«
(Dr. Daniel Hell Psychiater und Psychotherapeut, emeritierter Professor für Psychiatrie an der Universität Zürich)
Dieser Text ist in unserem Kundenmagazin Frühjahr 2026 erschienen.
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