In Krisenzeiten Halt finden und Balance gewinnen

Ein Gespräch mit der Jung’schen Analytikerin und Psychotherapeutin Prof. Dr. Brigitte Dorst

Lebenskrise Lebenshilfe Achtsamkeit Zuversicht

Lebe gut: Frau Dorst, jeden Tag werden wir mit dem Wort »Corona-Krise« konfrontiert. Was ist, psychologisch gesehen, eigentlich eine Krise?

Brigitte Dorst: Krisen entstehen in psychischen Konfliktsituationen. Sie sind zum einen in der körperlichen und seelischen Entwicklung vorprogrammiert, wie z.B. Pubertätskrisen, Alterskrisen und die Krisen in der Lebensmitte. Zum anderen werden sie durch äußere Ereignisse mitbedingt: Naturkatastrophen, Arbeitslosigkeit, Trennung, Krankheit oder Tod des Partners. Lebenskrisen sind gekennzeichnet durch das Herausfallen aus den gewohnten, Sicherheit gebenden Alltagsabläufen. Von einer Krise sprechen wir in der Psychologie dann, wenn zwischen einer Problemsituation und den zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten ein Ungleichgewicht besteht.

Lebe gut: Wie reagieren Menschen in Krisensituationen?

Brigitte Dorst: Unerwartete und plötzliche Lebensveränderungen können viele Menschen in einen Zustand von Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht versetzen. Sie verlieren das innere Gleichgewicht. Das Vertrauen ins Leben ist erschüttert, so wie es gegenwärtig in der Corona-Krise ist. Gefühle werden wie im Auf und Ab einer Achterbahnfahrt erlebt: Angst, Wut, Verzweiflung, Zorn, Ohnmacht, Optimismus und Hoffnung folgen in raschem Wechsel. Die Betroffenen sind oft nicht in der Lage, sich auf die veränderte Situation einzustellen und die notwendigen Handlungsschritte zu tun. Sie fühlen sich überfordert, da die Lebensveränderungen mit den bisherigen Fähigkeiten nicht einfach bewältigt werden können und als bedrohlich erlebt werden.

Lebe gut: Warum haben manche Menschen angesichts der Corona-Krise große Angst oder reagieren irrational, horten beispielsweise Lebensmittel, während andere der Situation recht gelassen begegnen?

Brigitte Dorst: Menschen können von Krisen und kritischen, lebensverändernden Ereignissen in sehr unterschiedlichem Ausmaß betroffen sein. Aufgrund von ererbten Dispositionen und bisherigen Lebenserfahrungen sind sie unterschiedlich belastet und verletzbar. Wir sprechen daher von der je spezifischen seelischen Verwundbarkeit eines Menschen, von seiner Vulnerabilität, und umgekehrt von seinen seelischen Widerstandskräften, der Resilienz.

Die gegenwärtige Krise ist eine kollektive Ausnahmesituation, für die es bei den meisten Menschen keine Vorerfahrung gibt, nur bei den ganz alten Menschen, die die Kriegszeiten noch erinnern. Die nun geltenden Regeln und Vorschriften für das alltägliche Leben erfordern also eine Anpassung an ungewohnte, neue Situationen, und das ist für viele schwierig.

Lebe gut: Was kann Menschen in Krisenzeiten Halt geben?

Brigitte Dorst: In der professionellen Krisenhilfe ist es wichtig, zusammen mit den Menschen nach ihren möglichen Resilienzfaktoren zu suchen und sie zu aktivieren. Resilienz kann als eine Art psychisches Immunsystem verstanden werden, das die inneren Stabilisierungs- und Heilkräfte umfasst und fördert. Aus tiefenpsychologischer Sicht bedeutet Resilienz, mit Hilfe von Phantasie, Imagination und Intuition Zugang zu inneren Kraftquellen zu finden. So wird die seelische Gesundheit gestärkt und Kräfte der Heilung aktiviert. Besonders in den tiefenpsychologisch ausgerichteten Therapieformen arbeiten wir mit heilsamen inneren Bildern. Es gibt innere Bilder, die als Symbol spezifische Wirkungen haben können: Sie können heilsam, tröstend, beruhigend, entlastend, Halt gebend sein, z.B. die Imagination eines Baumes, eines inneren sicheren Ortes oder eines Wohlfühlortes in der Natur. Vieles kann für Menschen in schwierigen Zeiten zum Symbol der Hoffnung werden und als inneres Bild Kräfte der Resilienz wecken: ein Sonnenaufgang, die Jahreszeit des Frühlings und die aufblühenden Frühlingsblumen oder der Regenbogen nach einem Gewitter. Hoffnung verlangt nach aktivem Tun, wie schon die Sprache zeigt: Hoffnung will »geweckt«, »genährt«, »geschöpft« werden, damit ein Mensch wieder beginnen kann, sich »Hoffnung zu machen«. Die schöpferischen Kräfte von Phantasie und Imagination können zu Hilfe kommen, um Wege und Auswege aus der Krise zu finden.

Lebe gut: Viele Menschen sind durch die Corona-Krise verunsichert. Sie haben Angst, dass geliebte Angehörige krank werden und sterben, oder sie machen sich große Sorgen um ihre wirtschaftliche Existenz. Wie können diese Menschen ihre Resilienzkräfte stärken? Was raten Sie gegen die Angst?

Brigitte Dorst: Einerseits ist es wichtig, Ängste und Befürchtungen nicht einfach beiseite zu schieben und zu verdrängen, sondern sie bewusst zuzulassen. Andererseits aber auch, sich selbst nicht damit zu hypnotisieren und an nichts anderes zu denken als an das, was sein könnte. Also nicht im Konjunktiv – »Es könnte, es würde passieren« – zu denken, denn Leben geht nur im Indikativ. Das heißt, sich selbst ganz bewusst zu sagen: »Gegenwärtig ist der befürchtete Verlust noch nicht eingetreten. Gegenwärtig sind meine Lieben und ich lebendig! Daher bin ich dankbar für die Beziehungen und guten Möglichkeiten im Hier und Jetzt.«

Frau Dorst, herzlichen Dank für das Gespräch!


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Brigitte Dorst

Brigitte Dorst

Dr. Brigitte Dorst, Professorin für Psychologie, Jung’sche Analytikerin und Psychotherapeutin in eigener Praxis, Lehranalytikerin am C. G. Jung-Institut Stuttgart, war viele Jahre Schülerin der…

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