Die Wunderwelt der Honigbienen

Eine kleine Schwärmerei über das Leben der Bienen von Ulrich Peters

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Bienen bewegen die Menschen – heute mehr denn je. Bücher, Beiträge, Zeitschriften und preisgekrönte Filme widmen sich dem »Himmelsvolk«, »Bienenleben«, »Summenden Paradiesen«, der »Wunderwelt« und »Intelligenz der Bienen«. Kaum ein anderes Insekt beschäftigt uns Menschen in gleicher Weise und regt uns zu solch blühenden Vorstellungen an wie die Honigbiene.

Wir kennen und schätzen sie als sprichwörtlich »bienen«fleißige, emsige Lebewesen. Als Vegetarier lieben sie Blütennektar und fliegen von Blüte zu Blüte. Sie saugen den Nektar aus deren Tiefen und schütteln den Pollen aus den Staubgefäßen, stauben den Pollen förmlich ab, sammeln die farbigen Pollenbällchen und den süßen Nektar. Diesen tragen sie in die Bienenstöcke, wo eine Königin, unzählige Arbeiterinnen sowie einige wenige männliche Saisonkräfte, die Drohnen, einen wohlorganisierten Organismus mit zehntausenden Bewohnern bilden.

Dort haben junge Arbeitsbienen Wachsplättchen ausgeschwitzt, die von ihren Schwestern förmlich durchgekaut, mit Körperwärme geschmeidig gemacht und zu Waben verbaut wurden. Die Waben bestehen aus regelmäßigen Ketten von genau gleich großen Sechsecken im Winkel von jeweils exakt 180 Grad, einer ausgeklügelten Netzwerktechnologie, der Schatzkammer im Bienenstock, die zugleich die Lagerräume und Kinderstube bildet. Verborgen vor unseren Augen füllen die Bienen diese Waben mit einem süßen Saft – einer Mischung aus dem Nektar der Blüten und Enzymen, Säuren und Eiweißen ihres eigenen Speichels. Ein biochemischer Wandlungsprozess setzt ein. Buchstäblich aus Geduld und Spucke reift die goldene Substanz, die auch wir Menschen seit Jahrtausenden lieben und schätzen: der Honig.

Für die Bienen ist der Honig allerdings nur Mittel zum Zweck. Er ist Nahrungsvorrat und Energielieferant für das Überleben sowie die Vermehrung des eigenen Volkes. Der Pollen, eine wahre Kraftnahrung aus dem Blütenmeer, ist demgegenüber fast ausschließlich der Brut vorbehalten, die dadurch mit wertvollen Proteinen, Kohlehydraten und Fetten, aber auch Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen versorgt werden.

Bienen sind Sinnbild und Sympathieträger*innen

Aber damit sind die Bienen und ihre Bedeutung auch nicht annähernd beschrieben. Bienen sind mehr. Sie sind Bild und Beispiel, Sinnbild, sensibler Seismograph für die Gesundheit ihres Lebensraums und Sympathieträgerinnen in einem. Sie gelten als Inbegriff von Ordnung und Organisation, umtriebiger, fürsorglicher und fein abgestimmter Zusammenarbeit, Sauberkeit, Selbstlosigkeit und Solidarität. Nicht zuletzt wegen dieser Eigenschaften wurden die Bienen und ihre Produkte zu beliebten religiösen Symbolen.

Die gleichmäßige geometrische Struktur der Honigwaben und den letztlich geheimnisvollen Prozess, in dem aus Nektar Honig wird, verstanden schon die alten Ägypter sowie nach ihnen die weitaus meisten Religionen als unmittelbaren Ausdruck göttlicher Weisheit. Sie brachten den dickflüssigen goldenen Honig in der Farbe der Sonne mit Unsterblichkeit in Verbindung. Dafür hatten sie gute Gründe: Honig kann wegen seines geringen Wassergehalts, seiner hohen Zuckerkonzentration und einiger Stoffe und Substanzen, die aus der Vermischung des Nektars mit dem Speichel der Bienen entstehen, praktisch nicht verderben. Imker erzählen dazu gerne die Geschichte von den honigsüßen Grabbeigaben, die den toten Pharaonen an ihre Sarkophage gestellt wurden. Archäologen, die die Beigaben tausende von Jahren später wieder ans Tageslicht holten, hätten diese noch problemlos genießen können.

Unsere Bienen sind bedroht

Wirklich: Die Welt der Bienen ist eine Welt voller Wunder. Aber Bienen sind auch akut bedroht. Weltweit beklagen die Imker einen dramatischen Rückgang des Honig- und Wildbienenbestandes. Allein in Europa starben in den letzten Jahren im Durchschnitt 20 Prozent der Bienenvölker, in Deutschland teilweise sogar 30 Prozent. Dafür gibt es verschiedene Ursachen: Klimawandel, verschiedene Krankheiten und nicht zuletzt den Verlust von Lebensraum. Bienen und andere Pollenbestäuber finden heute oft nicht mehr genug Nahrung. Das liegt unter anderem an den intensiv bewirtschafteten landwirtschaftlichen Monokulturen. Damit Bienen und andere Bestäuber aber ein ausreichendes Nahrungsangebot haben, brauchen sie Wildpflanzen und Blumenwiesen in ausreichender Zahl und Vielfalt. Intensive Landwirtschaft setzt jedoch auf wenige Sorten, die obendrein noch auf riesigen Flächen angebaut werden. Dort werden jegliche »störenden« Pflanzen wie Gräser und Beikräuter oder Büsche und Bäume am Feldrand eliminiert. Wenn kleine Lebewesen wie Bienen, Nektarsammler und Pollenbestäuber aber kein vielfältiges Angebot an Nahrungspflanzen und Nistmöglichkeiten mehr finden, ist ihre Lebensgrundlage akut bedroht.

Bienen blicken auf eine lange Entwicklungsgeschichte zurück. Sie haben gelernt, sich auch extremen Veränderungen anzupassen. Doch die Lebensumstände der Bienen verändern sich in einer rasanten Geschwindigkeit. Hinzu kommt, dass die Bienen nicht mit einer, sondern mit einer Vielzahl von Veränderungen konfrontiert werden, die jede für sich im Verdacht steht, ihre Gesamtkonstitution anzugreifen. Die moderne Biene kämpft seit Jahren an vielen Fronten. Honigbienen sehen sich vielfachen Gefahren ausgesetzt, denen gegenüber sie als Einzelindividuen machtlos sind. Im Volk aber, als Gemeinschaft, sind sie durchaus in der Lage, sich den schwierigen Entwicklungen zu stellen und zu behaupten.

Warum die Bienen systemrelevant sind

Das ist auch notwendig. Denn bei den Bienen geht es – trotz der 90.000 Tonnen Bienenhonig, die allein in Deutschland jedes Jahr konsumiert werden – um (so der Titel einer mehrfach ausgezeichneten Film-Dokumentation aus dem Jahr 2014) »More than Honey«, um mehr als Honig. Im Grunde geht es um alles. Nur mit großem Aufwand können in einigen Regionen der Erde noch Ernteausfälle verhindert werden. Bienen sind nämlich das, was man systemrelevant nennt. Ohne ihre Bestäubungsleistung wäre es noch schwerer als ohnehin schon, die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung auch nur annähernd sicher zu stellen. Obwohl sie gerade einmal zwei Prozent der bekannten Insektenarten ausmachen, sind die Honigbienen allein in Europa für die Bestäubung von rund 80 Prozent aller Blütenpflanzen verantwortlich. Etwa jeder dritte Bissen, den und der allergrößte Teil des natürlichen Vitamin C, das wir zu uns nehmen, ist von ihrer Bestäubung abhängig. Niemand anderes, auch keine Maschine, kann diese Aufgabe übernehmen. Bienen besuchen die Blüten von Raps, Sojabohnen, Zwiebeln, Gurken, Brokkoli und Sonnenblumen, Avocados, Tee- und Kaffeepflanzen. Gäbe es die Bienen nicht, dann wäre es um Kirschen und Äpfel, um Pflaumen und Birnen schlecht bestellt. Die landwirtschaftlichen Erträge, die mit Hilfe der Bienenhaltung geschaffen werden, übertreffen die der Geflügelzucht und machen die summenden Gesellinnen zum drittwichtigsten Nutztier in der Obhut des Menschen. »Wenn die Bienen sterben«, lautet darum eine düstere Prognose von Albert Einstein, »sterben vier Jahre später auch die Menschen aus«. Er verweist damit auf das enge Beziehungsgeflecht von Mensch, Tier und Pflanze, die am Schicksal der Bienen abzulesen sei.

Bienen bilden einen Superorganismus

Letztlich ist es das Leben der Zukunft, auf das auch das gesamte Streben der Bienen ausgerichtet ist. Es ist nämlich längst nicht deren Arbeits- und Bestäubungsleistung allein, die uns Menschen seit Jahrtausenden für die kleinen Lebewesen einnimmt und fasziniert. Vielmehr fesselt uns das Wesen des Bienenvolks selber, das intensiv vernetzt im Rhythmus der Jahreszeiten das Überleben der Kolonie sichert und gemeinsam Probleme löst, die ein Einzelwesen alleine niemals bewältigen könnte. Biologisch wird eine solche Gemeinschaft von Einzelwesen, die aufeinander angewiesen sind und in Abstimmung Leistungen erbringen, die einzelne nicht allein bewältigen können, als Superorganismus bezeichnet. Er funktioniert wie ein Körper, nur das dieser Körper eben nicht aus einzelnen Zellen, sondern Individuen besteht, die wie ein einziges atmendes Lebewesen agieren. Jede Biene hat ihre ganz eigene Bestimmung, aber niemand kann ohne den anderen überleben. »Was dem Schwarm nicht nützt, das nützt auch der einzelnen Biene nicht«, wusste schon der Philosophenkönig Marc Aurel. Und auch Johannes Chrysotomos bekundete den Bienen seinen Respekt mit den Worten: »Ihr gebühre mehr Ehre als anderen Tieren. Nicht, weil sie arbeitet, sondern weil sie für andere arbeitet.«

Bienen sind außergewöhnlich vielseitige Allrounderinnen

In den dreißig bis sechzig Tagen ihres kurzen Erdendaseins während der Sommermonate durchlaufen die Bienen im Stock alle Funktionen. Sie erweisen sich als außergewöhnlich vielseitige Allrounderinnen. Zunächst sind sie für die Versorgung der Königin zuständig, die den Nachwuchs gebiert. Dann kümmern sie sich um die Brutpflege, übernehmen als nächstes Reinigungs- und Transportarbeiten, verteidigen ihr Volk am Stockeingang und wechseln schließlich in den gefährlichsten Teil ihrer Laufbahn: Sie fliegen zum Nektar- und Pollensammeln oder als Spurbienen aus. In Notsituationen können Karrierestufen jedoch auch übersprungen werden oder ältere Bienen Aufgaben übernehmen die eigentlich jüngere versehen. Das Faszinierende daran ist, dass diese Tiere gleichsam in einen Jungbrunnen tauchen. Ihre Lebensspanne verlängert sich deutlich und sie gewinnen Fähigkeiten wieder, die sie einmal als junge Bienen hatten. Dabei entwickeln sie ganz erstaunliche Fertigkeiten: Bienen lesen, lernen, kommunizieren, vermögen zu navigieren, können komplexe Entscheidungen zu treffen und verfügen über Improvisationstalent und Flexibilität.

Das alles leistet ein Gehirn von der Größe nicht einmal eines Sandkorns. Durch ihr gemeinsames Wirken als Superorganismus, der sich alljährlich ein oder mehrfach reproduziert, sichern die Bienen auf Dauer den Erhalt ihrer Art. Kaum ein Lebewesen hat in diesem Bestreben so starke Strategien entwickelt, mit und in seiner Umwelt zu leben und sie sich nutzbar zu machen wie die Honigbiene. Es zeichnet sie aus, dass sie ein Lebewesen ist, das sich selbst verwaltet, seine eigenen Baustoffe und Nahrungsmittel herstellt, sogar Medizin produziert und sich wirksam gegen Feinde zu verteidigen weiß. Sie hat ausgeklügelte komplizierte Formen der Kommunikation entwickelt und sie reguliert selbst die Temperatur der Behausungen perfekt und außergewöhnlich (energie)effizient. Von den Bienen lernen, heißt überleben lernen. Nichts wird dabei aus Eigennutz getan, keine Arbeit ist überflüssig. Alles im Lebenszyklus und Arbeitsrhythmus einer Bienenkolonie verfolgt den Plan des Bewahrens.

Bienen bilden eine Gemeinschaft gegenseitiger Gabe

Bienen können uns wieder zu staunen lernen über die alltäglichen Wunder, von denen wir umgeben sind. Ihre Welt ist voller Überraschungen, Geheimnisse und Rätsel. Sie wecken in einer weitgehend entzauberten Wirklichkeit ein neues Bewusstsein dafür, dass letztlich alles mit allem zusammenhängt. Bienenvölker sind komplexe Organismen voll eigenwilliger Typen, cleverer Praktiken und verblüffender Regelwerke. Bienen wissen genau, was sie tun. Sie haben einen Plan, den sie mit erstaunlichem Geschick, faszinierenden Fähigkeiten und in bemerkenswerter Teamarbeit umsetzen. Enthält ihre besondere Form des Zusammenlebens und -arbeitens, die Bienen im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte entwickelt haben, aber nicht noch eine weitergehende Botschaft? Vermitteln Bienen nicht eine Idee davon, wie das Zusammenleben und -arbeiten gelingt? Im Winter bilden sie zum Beispiel eine Traube, in der sie einander warmhalten. Und damit keine von ihnen verhungern muss, füttern sich die Schwestern gegenseitig. Wer hat, gibt ab. Immer. Das Bienenvolk kennt keine Armen und Schwachen, die, wenn das Nahrungsangebot knapp wird, nichts mehr abbekommen, weil sie nicht stark genug sind. Bienen leben in einer Gemeinschaft gegenseitiger Gabe. Nur weil alle für alle und alles sorgen im Wissen und Bewusstsein, dass auch für sie gesorgt ist, wird ein Bienenvolk zum Superorganismus. Zusammen geht eben alles besser.

»Wo Bienen sind, ist Gesundheit«

Neben Wachs und Propolis – einem weiteren wahren Wundermittel mit Klebe-, Stabilisierungs-, Schutz-, Desinfektions- aber eben auch ganz erstaunlichen Heilwirkungen – ist das populärste Produkt aus dem Bienenstock der Honig, das flüssige Gold, die »Nahrung der Götter« wie er auch genannt wird. Schon zu biblischen Zeiten schätzten die Menschen nicht nur den lecker-süßen Geschmack naturreinen Bienenhonigs. Sie wussten auch um dessen Energiereichtum und die unmittelbar stärkende Wirkung nach seinem Genuss. Honig ist dabei nicht einmal ansatzweise mit anderen Süßmitteln vergleichbar, weil er eine ganze Reihe weiterer wertvoller Inhaltsstoffe wie Aminosäuren, Eiweiße, keimhemmende Inhibine, Enzyme, Vitamine und Mineralstoffe enthält, die ein breites antibakterielles, antimykotisches und sogar antivirales Klima schaffen. Honig ist ein beziehungsreiches Hoffnungszeichen. Er kann Krankheiten lindern und sogar heilen, er stärkt den Körper und fördert die Gesundheit und sei, so heißt es, sogar der Schönheit zuträglich. »Ubi apis, ibi salus«, wussten schon die alten Römer: »Wo Bienen sind, ist Gesundheit«. Und nur wenig später empfahl im fernen Asien der chinesische Philosoph Konfuzius: »Willst du drei Stunden glücklich sein, trinke Wein. Willst du drei Wochen glücklich sein, schlachte ein Schwein … Willst du ein Leben lang glücklich sein, bebaue einen Garten und halte Bienen darin«. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.


Ulrich Peters

Ulrich Peters

Ulrich Peters, geboren 1959, Diplom-Theologe. Verheiratet, Vater zweier Söhne. Vorstand und Verleger. Veröffentlichungen zu Fest/Feier, Brauchtum; Weisheitsgeschichten.

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