Die Visionen der Hildegard von Bingen

Die Hildegard-Expertin Hildegard Gosebrink geht der Frage nach, was deren Bildwelt bedeutet.

Inspiration Glaube Gesellschaft

Vor 10 Jahren wurde Hildegard von Bingen von der katholischen Kirche zur »Kirchenlehrerin« erklärt und damit als besondere Denkerin des Glaubens herausgestellt. Das Besondere: Sie hat ihr Verständnis des christlichen Glaubens in der Gestalt von Visionen niedergeschrieben. Dabei geht es der mittelalterlichen Ordensfrau weder um ekstatische Zustände, die sie ablehnt, noch um persönliche spirituelle Empfindungen, sondern um die Auslegung der Bibel. Ein Beitrag von Hildegard Gosebrink, Leiterin der Arbeitsstelle Frauenseelsorge der bayerischen (Erz-)Bistümer.


Hildegard von Bingen (1098–1179) hat einen Großteil ihrer Werke in der Form von Visionen geschrieben. Hatte sie Zugang zu geheimem Wissen über die Zukunft und Einblicke in das Ende der Welt? Oder litt sie unter Migräne und sah Lichterscheinungen? Bei heutigen Erklärungsversuchen stoßen wir auf diese Muster: Hildegards Werke werden fundamentalistisch als »wörtlich offenbart« verstanden – oder es wird eine scheinbar naturwissenschaftliche, (psycho-)pathologische Erklärung versucht. Hilfreich ist jedoch ein Blick auf Hildegards eigene Texte – und zwar im Kontext ihrer Zeit. Im Mittelalter entsteht eine Vielzahl von Visionsschriften, auch durch andere Autorinnen und Autoren. Zudem fällt auf, dass der Frauenanteil unter ihnen besonders hoch ist. Wie kommt das?

Hildegard beansprucht Autorität für sich: keine Amtsautorität, sondern unmittelbare göttliche Beauftragung. Wenn Hildegard die Stimme Gottes für den Papst wiedergibt und in ihren Visionswerken beschreibt, was Gott selbst ihr gezeigt und erklärt hat, passiert genau das: Sie schreibt mit unmittelbarer göttlicher Legitimation. Visionen »liefern« Autorität!

Bei Hildegard steht oft hinter ihrem Namen »Mystikerin«. Hildegard selber kannte das Wort Mystik nicht und würde die Frage, ob sie eine Mystikerin ist, nicht verstehen. Das Wort Mystik stammt aus der Neuzeit und hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Oft wird »Mystik« in dem Sinne verstanden, dass hier die Erfahrung vor dem Denken steht. Visionen werden manchmal mit der Erfahrung von Ekstasen gleichgesetzt. Eine mittelalterliche Nonne wie Hildegard mit ihren Visionen scheint wunderbar in diese Kategorie zu passen! Aber Hildegard betont, dass ihr ekstatische Zustände fremd sind. Hat Hildegard also ihre Werke selber bewusst konstruiert? Oder verdankt sie alles Gottes Eingebung? Das muss kein Gegensatz sein. Menschen, die selber eine künstlerische Ader haben, kennen das gut: Wer singt oder ein Instrument spielt, wer ein Bild malt oder ein Gedicht schreibt, wer töpfert, braucht Handwerkszeug, das er oder sie vernünftig einsetzt. Das schließt nicht aus, dass in der Mitte und Tiefe eines Werkes, das wir machen, etwas ist, das uns geschenkt wird, das größer ist als alles, was wir machen können. Wir können Hildegard glauben, dass sie in inneren Bildern den christlichen Glauben geschaut hat – als Kind ihrer Zeit! Gleichzeitig können wir unserem Eindruck trauen, dass sie diese Erfahrung reflektiert hat, dass sie Texte und Melodien geschaffen hat, die bewusst so und nicht anders komponiert sind.

Die Kooperation von Gott und Mensch ist ein Kernthema in Hildegards Denken. So gesehen, setzt Hildegard mit ihren Visionen und Auditionen selber einen Schwerpunkt ihrer eigenen Theologie um. Von allem Anfang an wollte Gott eine ganz besonders innige Verbindung zwischen sich selber als Schöpfer und der Schöpfung, die er geschaffen hat.

In meinem Buch »Hildegard von Bingen: Die Welt ist voll Licht« finden Sie Informationen zu Kernthemen aus Hildegards Werk und Hilfen zur Orientierung: Was hat sie tatsächlich geschrieben? Was verraten uns die Quellen? Außerdem stoßen Sie auf zahlreiche »Experimente«: Vielleicht haben Sie Lust, sich nicht nur lesend Hildegard anzunähern. Sie können das, was Hildegard wichtig war, mit Ihrer eigenen Biographie verknüpfen – und mit heutigen Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft. Wenn Sie mit einer Gruppe Hildegard näherkommen möchten, finden Sie zusätzlich zu den »Experimenten« auch »Praxistipps für die Gruppe «, die die Interaktion der Teilnehmenden nutzen und fördern.

Je besser ich Hildegard kennenlerne, desto mehr ahne ich, wie sehr sie Kind ihrer Zeit war. Ihr Werk enthält nicht einfach Patentlösungen für heute. Diese Distanz finde ich eher heilsam. Sie schließt nicht etwa aus, dass sich der Dialog mit Hildegard lohnt – im Gegenteil: Hildegard hat uns viel zu sagen: damit wir unsere eigenen Antworten finden können!

Hildegard Gosebrink

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