Vielleicht ein Land aus Licht

Im November gedenken viele Menschen ihrer Toten und besuchen deren Gräber. Wo sind unsere Lieben? Huub Oosterhuis entfaltet eine vorsichtige Hoffnung.

Trauer Inspiration Lebensweisheit

In Tausenden von Ausdrücken, Wendungen, Anspielungen, Bildern wird der Tod erkannt und ausgedrückt. Schlag in Wörterbüchern nach, dem großen Gedächtnis der Menschheit, in dem alle unsere Erinnerungen an Leben und Sterben gespeichert sind. Aber du bist nicht die Sprache und die Menschheit. Und wenn es dir passiert, dass du weißt: »noch zwei Monate«, oder »keine drei Tage mehr« oder »noch ein paar sehr alte, mühsame Jahre«? Viele Menschen haben dafür keine Sprache. Nicht in sich selbst, nicht untereinander. Unbegreiflich groß und geheimnisvoll, jedes Leben; dass wir einander gegeben sind, Frauen und Männer, mit Kindern, ohne Kinder, alle zusammen wir und jeder ich, schwer oder leicht, schwerleibig oder leichtfüßig, ehrfurchtsvoll und leer, mit unseren veredelten kostbaren Körpern verdammt. Man weiß nicht, was einem passieren kann, aber man lässt sich darauf ein, für all die Tage des Lebens − und dann? An den ersten Novembertagen gedenken die Lebenden in vielen westeuropäischen Ländern ihrer Toten. In diesem Teil der Welt ist die Kultur des Gedenkens an den Tod noch lebendig, und sogar die Kultur der Erwartung und der Hoffnung, die über den Abgrund hinausreicht.

Wo sind unsere Toten?

Wo sind unsere Toten? Doch nicht dort, in diesen Gräbern, oder? Gräber sind heilig, heiliger Boden, überall. Aber sie geben keine Antwort auf die Frage: Wo sind sie geblieben?  –  Leben ist schwierig und mühevoll, weil der Tod so ein allmächtiges Höchstes Wesen ist. Der Schnitter mit der Sense, die zierliche Schicksalsgöttin, nimmt Kinder, trennt Geliebte, gewinnt jeden Krieg. Diesem Tod in all seinen Gestalten zu widerstehen, diesen Tod mit all seinen Geschwadern zu vertreiben, die Wunden zu heilen, die er dir schlägt, die Angst so zu beschwören, dass sie dich nicht verrückt macht – Wüste durchqueren, Wasser aus dem Felsen schlagen: Damit verstreicht dein Leben. Dem Tod das letzte Wort absprechen, das ist Leben. Das ist der Sinn deines Lebens.

In seinem Gedicht »Die Ertrunkenen« schreibt der niederländische Dichter Gerrit Achterberg an einen Freund und in ihm an jede Leserin, jeden Leser:

Vielleicht kennst du ein Land aus so viel Licht
dass ihre Erstarrung dagegen nicht anhält
und sie dorthin aus unserem Blickfeld treiben.

Ich finde die Frage mit dem zögernd-demütigen »vielleicht« aufschlussreicher als die meisten religiösen Antworten. »Vielleicht« ist ein Wort des Hoffens und Bangens, ein schüchternes Lächeln. Und so ist es für viele von uns, wenn uns die große Geschichte vom Land des Lichts vorgelesen und zugesungen wird. Glaubst du, dass es möglich ist, ein solches Land?

Hoffnung mit angehaltenem Atem

Glaubst du, dass Gott »existiert« − welcher Gott? Der Gott, für den die Ertrunkenen nicht für immer ertrunken sind? − das klingt wie eine letzte Frage. Ich weiß nicht, ob ich das glaube, ich hoffe es, »vielleicht«, ich halte den Atem an.

Niemand von uns weiß von sich aus, wer Gott ist. Es gibt ein Zeugnis, eine Geschichte über ihn, eine Vision, die nur von Menschen gemeinsam gesehen und getragen werden kann. Das ist die Vision von einem Gott, vor dem die Toten leben. »Dann sah ich die Toten vor dem Thron stehen, große und kleine« (Offenbarung 20,12) – diese Vision. Wenn das in deinem Verstand und deinem Herzen aufsteigt, tröstet ihr einander, und tröstet ihr besonders auch diejenigen, die ohne Gott und ohne eine solche Vision der Zukunft in dieser Welt sind. Ich denke, nein, jemand denkt in mir, dass er selbst es ist, der Lebendige, der uns unter Tränen, aber ungebrochen weitergehen lässt und uns auf dem Weg zu einer neuen Geburt hält.

Die verstummt sind, allein, kalt, Stein in Stein,
die im Totenreich unauffindbar sind:
Wer weiß, was Er mit ihnen hat getan,
der genannt wird Du, unfassbares Du,
der mit Tränen sucht, die verloren sind,
der das Leben selbst aus dem Tod gewinnt.

Wie verfinstert die Welt auch immer ist,
wie untröstlich auch, ich verzweifle nicht,
weil du Gott bist, der du mein Leben lenkst.
Du genügst mir, der du meiner gedenkst.
Licht von deinem Licht leuchtet meiner Sicht.
Kommen wird der Tag, dass ich ruhen mag.

Unglückselige werden selig sein.
Die Verworfenen werden in dir sein.
Die sich wandten von dir, sie finden dich,
Ungeliebte, von dir nur mehr geliebt.
Lachen allerorts, wenn dein letztes Wort
die entzweite Welt prächtig neu erstellt.

Auszüge aus dem Buch von Huub Oosterhuis »Ein Mensch zu sein auf Erden. Begleiter durch das Jahr«.
Huub Oosterhuis, gestorben 1923, wurde am Allerheiligentag 1933 geboren.


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