Tagore: Im Schatten der Bäume

Rabindranath Tagore, vor 85 Jahren im August 1941 gestorben, war nicht nur der erste Literatur-Nobelpreisträger aus Asien: Das bengalische Universal-Genie war Dichter und Philosoph, Maler und Musiker, Bildungs- und Sozialreformer. 

Inspiration Lebensweisheit

Rabindranath Tagore wurde 1861 in Kalkutta geboren. Er gehörte einer traditionsreichen, berühmten Familie an. Rabindranaths Großvater schuf den Typ des Großindustriellen: Er besaß Fabriken und Dampfschiffe, Kohlengruben und Ackerland. Man nannte ihn den »Prinzen« wegen seiner feudalen Prachtentfaltung. Doch unterstützte er auch gemeinnützige Institutionen in Bengalen. Sein Enkel Rabindranath wurde als vierzehntes Kind geboren – in eine Großfamilie hinein, die zusammen mit den Familien der älteren Brüder, entfernten Verwandten, einem Schwarm Diener, Gästen, Privatlehrern gut hundert Mitglieder zählte. Aber bis ins letzte Lebensjahr beschrieb er, wie einsam, wie unverstanden und unglücklich er als »Rabi« – wie man ihn als Kind rief – gewesen sei.

Liebe zur Natur

In Rumpelkammern oder auf dem Dach des weitläufigen Hauses in Kalkutta ging Rabindranath allein seinen fantasievollen Spielen nach: Er dachte sich Geschichten aus, stellte sich gefahrenvolle Expeditionen vor, er beobachtete sehnsuchtsvoll die Bäume, die Wolken – das Wenige der Natur, das er in der Stadt erblicken konnte. Beides hat Tagore tief geprägt: seine unglücklich- einsame Kindheit – und seine tiefe, brüderliche Liebe zur Natur. Für ihn ist die Natur von Anfang an immer auch Abbild einer transzendenten Wirklichkeit. In der Natur offenbart sich das Göttliche. Darum ist Liebe zur Natur auch Gottesliebe; Vereinigung mit der Natur ist Gottesvereinigung. Die Naturliebe ist für den Dichter geradezu ein »Heilsweg«, auf dem sich der Mensch von Egoismus befreien und sich mit Gott vereinigen kann. Diese Beziehung von Natur, Kosmos, äußerer Welt einerseits und Gott-in-der-Welt andererseits hat Tagore in vielfältigen Bildern immer neu dargestellt. Bis zu seinem Tod liebte er die Natur, die diesseitige Welt, den Kosmos: den Wechsel der Jahreszeiten, den Anblick eines Schwarms Wildgänse am Himmel, das Geheimnis der Bäume.

Erziehung zur Freiheit

Gewiss hat sich in Tagores Werk ein Leben lang die Freiheitssehnsucht seiner Kindheit widergespiegelt. Diese Freiheitssehnsucht verband sich mit Rebellion gegen jeden Zwang, gegen Enge, Reglementierung. Der alte Tagore beschrieb, wie zäh sich der junge Rabi gegen die geisttötende Routine der Schule zur Wehr setzte, wie stark er unter ihrer Monotonie und der unverständigen Strenge seiner Schulmeister litt. Rabindranath Tagore hat keinen Schulabschluss gemacht, hat niemals einen »richtigen« Beruf ausgeübt – Freiheitsdrang ist ein wichtiges Thema seines Lebens geblieben: Konventionen niederbrechen, immer weiter hinausgeschobene Grenzen überschreiten! Darin liegt der Schlüssel seiner Kreativität. Darin liegt auch sein Rang als eine Gestalt der Weltliteratur begründet.

Als Rabindranath Tagore vierzig Jahre alt war, begann er noch einmal von vorn: Er gründete eine Ashram-Schule. Seine fünf Kinder wuchsen heran und brauchten Unterricht. Seine Abneigung gegen das herrschende britische Schulsystem war so stark, dass er sie lieber selbst unterrichtete oder Privatlehrern unterstellte. In Santiniketan, hundertfünfzig Kilometer nördlich von Kalkutta, ließ er ein paar Lehmhütten bauen, sammelte die eigenen Kinder und eine Handvoll Schüler um sich und begann zusammen mit einigen Lehrern unter einem Baum Unterricht zu halten – wie es die Gurus im klassischen Indien getan hatten. In seiner zweiten Lebenshälfte wurde Santiniketan Tagores Wohnort. Ein Jahrzehnt lang hatte er Vorträge über Erziehungsfragen gehalten, jetzt wollte er seine Ideen und Ideale in der Praxis überprüfen.

Internationale Berühmtheit

Der Nobelpreis 1913 verursachte den tiefsten Einschnitt im Leben des bengalischen Dichters. Im Nu wurde er von einem Provinzdichter zu einer internationalen Berühmtheit. Nicht nur sein Heimatland Indien durfte sich geehrt fühlen, sondern das gesamte Asien, oder politisch gesprochen: die von Europa kolonisierten und beherrschten Völker. Sie empfanden, dass durch diese Anerkennung die westliche Welt sie zumindest als Kulturvölker zu respektieren begann. Der Nobelpreis für Tagore war Balsam auf dem verwundeten Stolz der politisch unterdrückten Völker. Rabindranath Tagore nahm diese neue Rolle an und spielte sie bis zuletzt. Sein jäher Weltruhm baut allerdings auf einem Kuriosum auf: Außer Tagore hat es wohl niemals einen Lyriker von Rang gegeben, der eine große Anzahl seiner Gedichte in eine fremde Sprache übersetzte. Und eben für diese Gedichtübersetzungen ins Englische hatte Tagore den Nobelpreis erhalten. Inzwischen sind jedoch genügend Übersetzungen aus dem Bengalischen ins Deutsche erschienen, um Tagore als den Dichter der Weltliteratur kennenzulernen, der er ist.


Der unbekannte Stern über dem Südpol hat
in menschenleerer Einöde die Nacht gelöscht;
sein Leuchten hat sich mitternachts
auf meine Augen gelegt
und meinen Schlaf vertrieben.
Der ferne Wasserfall, donnernd und voll,
hat seine Stimme in mein Herz geschüttet.
Dichter aus allen Ländern vereinen ihre Lieder,
die in die Fülle der Natur verströmen.
Dadurch bin ich mit ihnen allen verbunden.
Ich finde sie alle versammelt – Freude ist mein Lohn.

(Aus dem Gedicht »Ich bin ein Dichter der Erde«, in: R. Tagore, Am Ufer der Stille, 74)


[Auszüge aus dem Nachwort von Martin Kämpchen in: Tagore, Am Ufer der Stille. Geboren in Boppard (Rhein), lebte und wirkte Martin Kämpchen von 1973 bis 2023 als Schriftsteller, Übersetzer und journalistischer Berichterstatter in Indien. Er gilt als bedeutendster Übersetzer Tagores ins Deutsche.]

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