In Würde zu Hause altern – Wenn die Pflegekraft aus Osteuropa kommt

Sigrid Tschöpe-Scheffler und ihre Mutter haben sich für die  Unterstützung durch 24-Stunden-Kräfte aus Osteuropa entschieden. So konnte die Mutter lange zu Hause leben.

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Pflegekräfte aus Osteuropa – Ausbeutung oder gute Lösung?

Wer zur häuslichen Betreuung seiner alten Eltern Pflegekräfte aus Osteuropa beschäftigt, hat mit Vorurteilen zu rechnen. Handelt es dabei nicht um Ausbeutung und Schwarzarbeit? Und sind diese Pflegekräfte überhaupt qualifiziert genug? Um den Pflegenotstand in Deutschland zu überwinden, sind die 24-Stunden-Hilfen aus Osteuropa nicht mehr wegzudenken. Laut Statistik werden bereits heute mehr als 200.000 Pflegebedürftige nach diesem Modell  betreut. Tendenz steigend. Deshalb werden diese Beschäftigungsverhältnisse auch stillschweigend geduldet, auch wenn man sich damit in einer rechtlichen Grauzone bewegt.

Mit Vorurteilen aufräumen

Die Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Tschöpe-Scheffler zeichnet in ihrem neuen Buch »Früher war ich ein flottes Huhn, heute bin ich eine lahme Ente« ein anderes, positiveres Bild. Sie und ihre alte Mutter haben sich schon früh für die Beschäftigung von 24-Stunden-Hilfen aus Osteuropa entschieden und damit größtenteils sehr gute Erfahrungen gemacht. Über fünfzehn Jahre kamen Menschen unter anderem aus Polen, Rumänien, Moldawien und Armenien und zogen bei der alten Dame ins Haus ein. Sie unterstützten sie bei häuslichen Arbeiten, der Gesundheitspflege und leisteten ihr Gesellschaft. Auch kultureller Austausch, sprachliche Nachhilfe und gemeinsames Spielen kamen nicht zu kurz. Denn »Frau Maria«, wie sie von den Pflegekräften genannt wurde, war eine interessierte, pfiffige und humorvolle alte Dame, die alle herzlich willkommen hieß und sich ihre Neugier auf Menschen bewahrt hatte.

Das Fremde als Bereicherung erleben

Aus den vielen Begegnungen sind Geschichten entstanden, die Sigrid Tschöpe-Scheffler mit viel Warmherzigkeit erzählt. Die zum Teil abenteuerlichen, manchmal traurigen, aber immer lebendigen Episoden berichten davon, wie man das Fremde als Bereicherung erfahren kann. Auch »Frau Maria« musste sich zunächst mit den kulturellen Traditionen, persönlichen Gepflogenheiten und spezifischen Koch- und Essgewohnheiten ihrer wechselnden Betreuerinnen anfreunden, was ihr mit ihrer offenen Art aber gut gelang.

Gute Bedingungen für alle schaffen

Das erste Anliegen ist natürlich, dass es dem eigenen Angehörigen gut geht. Je kompetenter und menschlicher, aber auch je zufriedener die Betreuerinnen sind, umso besser ist die Beziehung zwischen allen, so die Erfahrungen von Sigrid Tschöpe-Scheffler. Was aber macht die Zufriedenheit der Betreuerinnen aus? Worauf sollte man achten, wenn man fremde Menschen ins Haus holt? Neben einem seriösen Arbeitsvertrag, einer angemessenen Bezahlung (der Mindestbruttolohn liegt bei ca. 1400 bis 2400 €, Kost und Logis frei), einem eigenen gemütlichen Zimmer im Haus sowie genügend Freizeit sind vor allem emotionale Faktoren wichtig.

Transparenz und Menschlichkeit

Der wichtigste Aspekt ist eine gegenseitige wohlwollende Haltung und menschliche Wärme. Sie sind die Basis dafür, dass sich sowohl der alte Mensch als auch die Betreuungsperson in ihrer Lebenssituation angenommen fühlen. Für den alten Menschen hat dies etwas mit der Achtung seiner Lebensgeschichte, aber auch mit einem Verständnis für die nachlassenden Kräfte zu tun. Die Pflegeperson fühlt sich wohl, wenn sie für ihren Einsatz Wertschätzung und Dankbarkeit erfährt und einen verlässlichen Ansprechpartner hat. Meistens sind dies die erwachsenen Kinder der zu betreuenden Person, die die Verantwortung übernehmen und alle Fäden in der Hand halten. Diese sollten auch die Belange der Betreuungspersonen ernst nehmen und sie, wenn nötig, auch mal gegenüber dem eigenen Angehörigen vertreten.

Wie erkennt man eine gute Vermittlungsagentur?

Die Erfahrungen von Sigrid Tschöpe-Scheffler zeigen, dass die Suche nach einer seriösen Agentur zeit- und kraftraubend sein kann, dass es sich am Ende aber lohnt, hier genauer hinzuschauen. Zwar gibt es keine allgemeingültigen Vorgaben und Kriterien, aber doch einige Punkte, die man beachten kann. Hier die wichtigsten:

Welche Leistungen bietet die Agentur an?
Gibt es regelmäßige Betreuungsbesuche vor Ort und ein Beschwerdemanagement?
Werden im Krisenfall schnell andere Betreuerinnen vermittelt?
Wie sind die Betreuer vor der Willkür der zu Betreuenden geschützt? Und umgekehrt: Wie ist der alte Mensch geschützt?
Arbeitet die Agentur mit einem Kooperationspartner aus Osteuropa zusammen?
Kann man sich mit dieser Agentur in Verbindung setzen oder ist es nur eine Briefkastenfirma?
Gibt es dort eine Personalakte der Betreuungsperson und kann man diese einsehen?
Ist die Agentur beim Amtsgericht mit einer Registriernummer zugelassen?
Hat die Agentur Qualitätszertifikate, wie sie zum Beispiel der TÜV Rheinland vergibt?

>> Die Zufriedenheit der Angehörigen und der zu Pflegenden werden durch die Pflegeliga e.V. geprüft, die im Internet abrufbar ist. Es lohnt sich, auch Informationen bei Verbraucherberatungsstellen einzuholen oder Foren zu besuchen, um sich mit Menschen auszutauschen, die in ähnlichen Situationen sind.

 

Sigrid Tschöpe-Scheffler

Sigrid Tschöpe-Scheffler

Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler, bis 2015 Professorin an der Technischen Hochschule Köln für Familienbildung und Leiterin des Instituts für Kindheit, Jugend und Familie. Sie arbeitet heute freiberuflich…

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