Oster-Momente

Die Botschaft von Ostern: Das Leben siegt über den Tod. Gibt es dafür überzeugende Beweise? Andrea Schwarz plädiert dafür, die Augen zu öffnen für die kleinen Momente, in denen sich die Kraft des Lebens zeigt, die Kraft von Ostern.

Inspiration Glaube Ostern

Marcus war mit 22 Jahren unter tragischen Umständen ums Leben gekommen. Meiner Freundin ist das Grab des Jugendfreundes wichtig, als Ort der Erinnerung, des Gebets, der Verbindung miteinander über den Tod hinaus. Sogar in den knapp bemessenen Zeiten ihres Heimaturlaubs, als sie über zwei Jahrzehnte im Ausland war – ein kurzer Besuch dort musste drin sein und das Anzünden einer Kerze. Seitdem sie wieder in Deutschland ist, fahren wir zusammen dorthin, wenigstens zu Ostern und vor Allerheiligen, nehmen eine Kerze mit, pflanzen ein paar Blümchen, ziehen das Unkraut heraus. Denn das Grab sieht nicht danach aus, als ob sich regelmäßig jemand darum kümmern würde, aus welchen Gründen auch immer.

So auch jetzt am Karsamstag. Ich hatte Schaufel, Gartenschere, einen kleinen Rechen mitgebracht, sie hatte Blumen gekauft und eine Kerze. Sie ging schon voraus, ich wollte auf dem Parkplatz noch eine Zigarette rauchen – aber als ich dann zu ihr schaute, wirkte sie seltsam erstarrt und verwirrt. Ich ging rasch zu ihr und sah, was los war: Der Grabstein und alle Pflanzen waren weg – nur ein paar fast schon verblühte Krokusse waren noch zu sehen. Und plötzlich waren wir mittendrin in der uralten Geschichte: Maria von Magdala kam zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war (Die Bibel, Johannes- Evangelium, Kap. 20, Vers 1). Was ist geschehen? Wir waren verwirrt, durcheinander, standen da mit unserer Schaufel und den Blumen. Wo war Marcus? Man hat ihn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben (Vers 13).

Plötzlich ahnten wir, wie es Maria von Magdala am Ostermorgen gegangen sein mag – man fällt ins Leere, noch einmal wird einem der Mensch genommen, der einem wichtig ist, an dem Ort, wo man an ihn denken konnte, ist er nicht mehr. Nur zögernd konnten wir uns eingestehen, dass seine Angehörigen das Grab wohl aufgehoben hatten, rechneten kurz nach – Marcus ist vor 35 Jahren gestorben, kann gut sein, dass jetzt die Ruhezeit für das Grab abgelaufen war. Meine Freundin war im Herbst noch einmal da gewesen und hatte die Krokuszwiebeln in den Boden gesteckt. Irgendwann danach war wohl das Grab geräumt worden – nur die Blumenzwiebeln hatten es überlebt und blühten jetzt auf dem leeren Grab. Er aber ist nicht hier. Plötzlich hatten Karsamstag und der Ostermorgen für uns einen Namen, ein Gesicht bekommen. Ein leeres Grab, der Stein ist weggenommen, und gelbe Krokusse erzählen vom Leben. Meine Freundin klaubte noch einige Steine auf, die sie mitnahm.

Nachdenklich und berührt fuhren wir nach Hause, die Blumen und die Kerze wieder im Auto. Zu diesem Friedhof würden wir nicht mehr fahren müssen – er ist nicht mehr hier. Am Ostermontag bin ich auf der Heimfahrt doch noch einmal dort gewesen. Irgendwie hatten wir das Gefühl, dass die Kerze, die wir für Marcus gekauft hatten, dort brennen muss und nicht irgendwo anders. Und ich habe einige der Krokusse ausgegraben und mit ein paar Handvoll Erde mitgenommen. Die werden zusammen mit den Blumen für das Grab jetzt ihren Ort im Pfarrhausgarten finden … direkt neben der Rose, die wir dort schon für Marcus gepflanzt haben. Denn Erinnerungen brauchen nicht nur Zeiten, sondern auch Orte – auch die Erinnerung an die Auferstehung.

Eigentlich ist es ja schon verblüffend: Viele Ostergeschichten erzählen davon, dass Jesus, der auferstandene Christus, von seinen Freunden erst mal gar nicht erkannt wird. Maria von Magdala hält ihn für den Gärtner, für die Emmaus-Jünger ist er ein Fremder, für die Jünger, die mit Petrus am See Tiberias fischen, ein Unbekannter. Auferstehung scheint nicht nach Auferstehung auszusehen. Jesus muss sich zu erkennen geben, durch das Wort, das er spricht, das Brot, das er teilt, die Wunden, die ihn ausweisen. Dann erst gehen den anderen Augen und Ohren und Herz auf – und sie können erkennen, was ihnen vorher verborgen war.

Die Tatsache, dass wir Gott manchmal nicht erkennen, sagt nichts über seine Anwesenheit in unserem Leben aus, sondern eher etwas darüber, dass wir ihn uns anders vorstellen. Das muss doch was ganz Gewaltiges, was Strahlendes, was Großartiges sein – so denken wir. Aber vielleicht ist Auferstehung gar nicht so spektakulär? Vielleicht sind es die kleinen Momente im Leben, die eigentlich groß sind? Die Stille der Nacht, das Lächeln im Gesicht der Geliebten, die heimlich weggewischte Träne, das ermutigende Wort, Brot und Wein, mit den Freunden geteilt …

Das Leben
bricht durch
die stärksten Mauern

bricht auf
wo man es
am wenigsten erwartet

lebt


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