Nahtoderfahrungen im Fokus der Wissenschaft

Eine Reise an die Grenze zwischen Leben und Tod: Im Interview geht Wolfgang Knüll der Frage nach, ob unser Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existieren kann. Ein faszinierender Blick auf Nahtoderfahrungen und die Wissenschaft.

Interview

Am Ende unseres Lebens treten wir alle eine Fahrt ins Ungewisse an. In seinem neuen Buch nimmt uns Wolfgang Knüll mit auf eine faszinierende Reise an diese Schwelle – und knüpft damit an seine jahrzehntelange Beschäftigung mit Nahtoderfahrungen an. Und – er wagt zugleich einen Schritt darüber hinaus. Auf Grundlage nachprüfbarer wissenschaftlicher Daten untersucht er, ob Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existieren kann. Damit öffnet er den Blick auf ein Grundverständnis des Lebendigen, das den Zustand des Todes nicht kennt.


Lebe gut:  Von »Nahtoderfahrungen« haben wohl die meisten von uns schon gehört. Deshalb nochmal zum Verständnis: Was versteht man überhaupt unter einem Nahtod? Und wie verbreitet sind Nahtoderfahrungen, wie viele sind dokumentiert bzw. erforscht?

Wolfgang Knüll: Die sogenannten Nahtoderfahrungen sind seit 50 Jahren ziemlich gut erforscht. Warum sage ich »sogenannte«? Weil diese Erfahrungen überhaupt nichts mit Tod zu tun haben, sondern alles mit dem Lebendigen, das eben nicht stirbt. Deshalb werden Menschen mit diesen Erfahrungen lebensfroh und viel liebevoller in ihrem Verhalten und haben keine Angst mehr vor dem Tod. Sie wissen, dass er seine Chimäre ist.

Wie fühlt sich eine Nahtoderfahrung an?

Lebe gut: Lässt sich eine Nahtoderfahrung überhaupt medizinisch erfassen oder wissenschaftlich erforschen? Oder ist man allein auf die Berichte der Betroffenen angewiesen?

Wolfgang Knüll: Bei den Nahtoderfahrungen haben wir es im Wortsinn mit einer Erfahrung zu tun. Die kann man nur machen, aber nicht messen oder beobachten. Ein empirischer Beweis ist per se unmöglich. Denn Erlebnisse sind grundsätzlich subjektiv. Die Frage nach objektiver Evidenz ist also von vornherein obsolet. Wer einmal einen Menschen reanimiert hat, nach vielleicht 5 oder gar 10 Minuten Herzstillstand, weiß, wovon ich rede. Die Behauptung der Neurowissenschaft, dass es da bei diesem klinischen Tod in der Tiefe des Gehirns noch irgendeine Aktivität als Ursache und damit als Erklärung für eine Nahtoderfahrung geben müsste, klingt ziemlich absurd. Wenn ein Gehirn in tiefer Bewusstlosigkeit eine Nahtoderfahrung erzeugen würde, dann müsste man ein wahres Feuerwerk in den Hirnstromableitungen sehen. Aber da ist absolut nichts zu messen. Trotzdem findet die Nahtoderfahrung exakt in diesem Moment statt. Es ist dieses Trotzdem: Trotz Bewusstlosigkeit, trotz fehlendem Herzschlag, trotz eventuell abgeklebter oder geschlossener Augen, trotz Stöpseln mit lauter Musik im Ohr, ohne Atmung, wird mit einem erweiterten Bewusstsein gesehen, gehört und erlebt. Fast immer finden sich die Betroffenen plötzlich als Geistwesen oberhalb einer Szenerie, mit ihrer leblosen anatomischen Hülle unter sich. Dafür gibt es Zeugen, und dank der Intensivmedizin werden es immer mehr. Denn allein während der Nahtoderfahrung kann der Mensch seinen Körper verlassen und hört und sieht durch Wände hindurch samt den Gedanken aller. Die anwesenden Ärzte, Krankenhauspersonal, Angehörige oder unbeteiligte Dritte, z. B. vor einer Zimmertür, bezeugen die Angaben der Nahtoderfahrenden bis in jede Einzelheit.

Lebe gut: Sie vergleichen die Unerklärbarkeit eines Nahtoderlebnisses mit der Raumzeitlosigkeit, die auch ein Merkmal der Quantentheorie ist. Was ist darunter zu verstehen?

Wolfgang Knüll: Die Raumzeitlosigkeit gehört sowohl zur Nahtoderfahrung als auch zur Quantenphysik. Das wird evident im Zusammenhang mit dem Lebenspanorama, das Nahtoderfahrende vielfach erleben. Dies läuft nämlich nicht nur im Zeitraffer ab, sondern oft werden alle Jahrzehnte eines Lebens in voller Länge und mit allen Einzelheiten noch einmal erlebt. Dieses Erleben ist in unserer Raum-Zeit-Dimension undenkbar und erfordert zwingend Raum-Zeitlosigkeit. Das kann keine Leistung eines bewusstlosen Gehirns sein. Die Quantenphysik kennt das Phänomen als Nichtlokalität. Das Prinzip findet in der Quantenkryptografie Anwendung. Wenn man diese Sicht der modernen Physik mit der Perspektive der Nahtoderfahrungen verbindet, dann kann man tatsächlich auch eine Antwort auf letzte Fragen geben, wie ich das in meinem Buch vorschlage. Das wird alles einfach und verständlich dargestellt.
 

Lebe gut: Wie verhalten sich eigentlich die Religionen, die Kirchen zum Nahtod? Schließlich betrifft dieses Thema doch eine der zentralsten Fragen unseres Daseins: Was geschieht mit uns nach dem Tod?

Wolfgang Knüll: Das ist sehr unterschiedlich. Die Vorgaben welcher Religion auch immer spielen jedenfalls keine Rolle, allein liebevolles Verhalten zählt. Ausgerechnet im Iran durften Nahtoderfahrende während des alljährlichen Ramadans frei berichten. Hier gibt es dagegen eher Desinteresse, vielleicht aus Unkenntnis oder Sorge um die Deutungshoheit. Meine Anfragen bei Kirchentagen stießen jedenfalls auf wenig Interesse. Jedoch habe ich in Kirchen Vorträge gehalten und Männer der Kirche, wie Hans-Jürgen Fischbeck oder Edzard Popkes, denken da längst weiter. Denn den Tod gibt es nach allem, was uns die Nahtoderfahrenden berichten, so nicht. Die Anatomie vergeht, aber das lebendige »Ich« stirbt nicht. Es gibt in diesem Sinne also keine echte Auferstehung. Das Lebendige setzt sich einfach fort, nur anders, als Geist, als Seele. Das sollte eigentlich alle Kirchen interessieren.

Nahtoderfahrung = fundamentale spirituelle Erfahrung

Lebe gut: Gegen Ende seines Lebens hat C.G. Jung auf die Frage, ob er an Gott glaube, geantwortet: »Ich weiß. Ich brauche nicht zu glauben, ich weiß es.« Was ist die Voraussetzung dafür, einen solchen Satz sagen zu können?

Wolfgang Knüll: C. G. Jung hatte 1941 eine tiefe Nahtoderfahrung. Er konnte die Erde aus dem Weltall präzise beschreiben. Satellitenbilder bestätigten seine Angaben. Er wusste um die Existenz Gottes. Dieses Wissen ist das Privileg aller Erfahrenden, auch mir gegenüber, gleichviel, was ich alles darüber gelesen und gehört habe. Ich brauche immer noch den einen Funken Glauben, weil ich keine fundamentale spirituelle Erfahrung, keine Nahtoderfahrung hatte. Diese Menschen mit ihrer Reise in die Ewigkeit haben keine Möglichkeit eines Zweifels mehr. Deshalb würde ich den Begriff Nahtoderfahrung gern durch »fundamentale spirituelle Erfahrung« ersetzen. Denn es geht um das Lebendige und nicht um den Tod.

Lebe gut: Der Untertitel Ihres Buches lautet: »Warum wir unsterblich sind«. Was ist mit Unsterblichkeit gemeint?

Wolfgang Knüll: Das sollte man ruhig wörtlich nehmen. Ignorieren wird nicht helfen. Alles Leben, auch unser kleines Bewusstsein, kehrt nach dem Erlöschen der Anatomie zu seinem Ursprung zurück. Unsere kleine Seele ist nur ein Bewusstseinsfunke, der diesem fundamentalen Bewusstsein entstammt – unter welchem Namen auch immer. Für mich heißt es: »G’TT«. Das fehlende »o« beglaubigt mein Unwissen.


Dieses Interview ist in unserem Kundenmagazin Herbst 2026 erschienen.


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