Geschichten, die uns das Leben neu betrachten lassen

Was lernen wir über das Leben, wenn wir Menschen in ihren dunkelsten Momenten begegnen? Niki Gabel gibt im Interview darauf berührende Antworten.

Interview Trauer

Inmitten der dunkelsten Stunden des Lebens begegnet der Notfallseelsorger Niki Gabel Menschen, deren Welt gerade stillsteht. Er sitzt neben Vätern, die ihr Kind verloren haben, begleitet Ehefrauen, die nicht mehr wissen, wie das Morgen aussehen soll und hält die Stille aus, wenn Worte versagen. Doch in all diesen Momenten, zwischen Einsatz und Ewigkeit, zeigt sich auch etwas anderes. Die Kraft des wahren Mitgefühls, die Würde des Daseins und die leise Hoffnung, die selbst im Schmerz weiterleuchtet.

In seinem Buch erzählt Niki Gabel in bewegenden, wahren Begegnungen von Trauer und Trost, von Abschied und Nähe. Geschichten nicht über den Tod, sondern über das Leben.


Lebe gut:  Lieber Herr Gabel, Sie waren 16 Jahre lang in der Notfallseelsorge tätig und haben darüber ein berührendes Buch geschrieben. Was hat Sie als 34-Jähriger dazu gebracht, dieses Ehrenamt anzunehmen?

Niki Gabel: Als junger Vater hatte ich über viele Jahre hinweg die Gelegenheit, mich in unserer Kirchengemeinde einzubringen – beim Gemeindebrief und beim Kindergottesdienst. Damals sprach mich unser Pfarrer an und meinte, dass ich geradezu wie geschaffen dafür sei, Notfallseelsorger zu werden. Ich habe die Ausbildung begonnen – und es war für mich die richtige Entscheidung.

Lebe gut: Mit diesen Grenzsituationen umzugehen ist keine leichte Aufgabe. Gibt es ein Ereignis, dass Ihnen bis heute nahegeht?

Niki Gabel: Alle meine Einsätze – es waren über die Jahre mehr als 50 – konnte ich grundsätzlich gut abschließen. Dennoch ist es so, dass manche Ereignisse beim Schreiben der Geschichten wieder sehr lebendig wurden. Es klingt vielleicht ungewöhnlich, aber ich habe gemerkt, dass ich bei manchen Geschichten sogar nach all den Jahren noch eine Gänsehaut bekommen habe.

Lebe gut: Wie verarbeiten Sie diese Ereignisse mental?

Niki Gabel: Nach den Einsätzen war es mir wichtig, die Ereignisse bewusst zu verarbeiten. Ich versuche, mitzufühlen, also wirklich empathisch bei den Menschen zu sein, ohne mich von ihrem Leid überwältigen zu lassen – es geht darum, präsent zu sein, ohne mitzuleiden. Dabei half mir der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sehr: Wir reflektierten gemeinsam, besprachen Eindrücke und Situationen, die belastend waren. Zusätzlich nutze ich regelmäßig Supervision, um die eigenen Gefühle einzuordnen und professionell Abstand zu wahren. Ein stabiles Privatleben ist für mich dabei eine große Stütze, und ich achte bewusst darauf, jeden schönen Moment zu genießen.

Selbstfürsorge nicht vergessen

Lebe gut: Was tun Sie als erstes, wenn ein Einsatz beendet ist, um im eigenen Alltag wieder anzukommen? Haben Sie ein Ritual?

Niki Gabel: Nach einem Einsatz hatte ich immer ein kleines Ritual, um die Erlebnisse zu verarbeiten. Zuhause streifte ich zuerst meine Dienstkleidung ab. Manchmal musste ich mich auch duschen. Danach setzte ich mich hin und schrieb das Protokoll sowie den Reflexionsbogen. Oft zündete ich dabei eine Kerze für alle Beteiligten an – das half mir, innezuhalten und den Menschen im Geschehen Respekt zu zollen. Manchmal kochte ich mir danach auch einen klassischen Pudding – nicht aus der Tüte-, einfach als kleinen tröstenden Moment für mich selbst. All diese kleinen Rituale gaben mir Sicherheit und halfen, den Einsatz bewusst abzuschließen.

Lebe gut: Was haben Sie vom Tod über das Leben gelernt? Gibt es etwas, das Sie trägt?

Niki Gabel: Aus den Erfahrungen mit dem Tod habe ich vor allem eines gelernt: bewusster zu leben. Und damit meine ich nicht unbedingt, gesünder zu leben, sondern die Dinge zu tun, die mir jetzt wichtig sind. In vielen Einsätzen kam genau dieses Thema zur Sprache: Menschen sagten, dass sie als Rentner noch dies oder jenes tun wollten – und oft kam es dann doch nicht dazu. Das hat mich geprägt und mir gezeigt, wie wertvoll es ist, die Zeit, die man hat, aktiv zu gestalten. Ich denke, dass ich noch 30 Sommer erleben darf.

Lebe gut: Sind Sie ein spiritueller Mensch?

Niki Gabel: Für mich bedeutet Spiritualität, sich bewusst mit den Fragen des Lebens auseinanderzusetzen, den Moment wahrzunehmen und Empathie für andere zu empfinden. Für mich ist es wichtig, Muße zu haben und Sinn zu suchen, sei es in Begegnungen, in der Natur oder in den kleinen Ritualen des Alltags.

Den Schmerz nicht lösen, sondern begleiten

Lebe gut: Oft ist man als Angehöriger oder Begleiter von Betroffenen in solchen Grenzsituationen überfordert. Wie geht man im akuten Fall mit Schicksalsschlägen um? Was kann eine erste Hilfe sein? Was Trost spenden? Was kann den Schmerz lindern?

Niki Gabel: Das sind viele Fragen in einer, und die Wahrheit ist: Menschen reagieren alle unterschiedlich auf Schicksalsschläge, deshalb gibt es keine »einzig wahre« Antwort. Entscheidend ist, dass man wahrnimmt, was der Betroffene gerade braucht, und nicht das, von dem ich glaube, dass es gut für ihn ist. Dazu muss man in den Austausch mit ihm gehen.

Trost kann auf viele Arten gespendet werden: einfach zuhören, präsent sein, den Schmerz anerkennen, ohne ihn sofort »lösen« zu wollen. Erste Hilfe für die Seele kann schon sein, jemanden bei sich zu wissen, ihm Raum zu geben, Gefühle auszudrücken – sei es durch Reden, Schreiben oder auch Schweigen. Kleine Rituale, wie Kerzen anzünden, Fotos anschauen oder bewusst an den Verstorbenen denken, können helfen. Praktische Hilfe im Alltag kann ebenso entlasten und das Gefühl von Überwältigung mindern.

Schmerz lässt sich nicht vollständig wegnehmen, aber er kann gelindert werden: durch Nähe, durch empathisches Mitfühlen, durch kleine Schritte zurück ins Leben, durch Hoffnung und kleine positive Momente, die wieder Kraft geben. Letztlich geht es darum, den Trauernden ernst zu nehmen, ihn nicht zu drängen und ihn in seinem eigenen Tempo den Verlust verarbeiten zu lassen.


Dieses Interview wird in unserem Kundenmagazin Herbst 2026 erscheinen.


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