Gläsener Mensch sein oder selbtbestimmt leben?

Ein Gespräch mit Andreas Dohmen über die digitale Zukunft und wie wir besser damit umgehen können.

Interview Natur Gesellschaft Reportage

Digitalisierung - nur ein vorübergehender Hype?

Lebe gut: Augmented Reality, KI, Big Data, Blockchain, Industrie 4.0 … Seit kurzem kommen immer weitere neue, für viele verwirrende Begriffe auf und bestimmen zunehmend die öffentliche Diskussion. Handelt es sich dabei nur um einen vorübergehenden Hype – oder muss man Ihre Prognose ernst nehmen, wonach wir bei der digitalen Transformation erst am Anfang stehen und uns im Übrigen »am besten anschnallen, denn die Fahrt in die Zukunft (wird) ziemlich rasant (werden)«?

Andreas Dohmen: Die digitale Transformation ist ein sogenannter »Megatrend«: Etwas, das sich über Jahre, manchmal Jahrzehnte »aufgebaut« hat um dann »auf einmal« viele Bereiche des menschlichen Lebens zum Teil sehr intensiv zu verändern und zu beeinflussen. Ähnlich wie die Klimaveränderung, die Demographie oder auch die Migration.
Alles Entwicklungen, die bei genauerer Betrachtung auch schon lange sichtbar und absehbar waren, ich erinnere nur an den Bericht des »Club of Rome« 1972. Und durch die exponentiellen technischen Entwicklungen der letzten Jahre im Bereich Rechnerleistung, Speicherkapazität, Halbleiter und Breitband werden jetzt Dinge Realität, die theoretisch zum Teil schon vor Jahrzehnten entwickelt worden sind, wie z.B. das Prinzip der »neuronalen Netze« als Grundlage für lernende Computer, der sogenannten Künstlichen Intelligenz.
All das wird nun mehr und mehr sichtbar, da die Anwendungen für uns Menschen zunehmend im Alltag sichtbar werden. Sei es im beruflichen Umfeld, durch die »Digitalisierung von Geschäftsprozessen« oder dem kompletten Umbau von Geschäftsmodellen durch Plattformfirmen wie Airbnb oder Uber bis hin zum Smartphone mit Gesichtserkennung statt einer 4-stelligen Pin. Und da es technologisch »munter« so weiter geht (Quantencomputer, bei denen Nullen und Einsen »gleichzeitig« existieren können, Künstlich erzeugte DNA, die die Speicherung von Daten und Bildern um das Millionenfache steigert, Mobilfunknetze der fünften Generation (5-G) mit millionenfach schnellerem Datentransport als die ersten mobilen Netze), stehen wir in der Tat noch relativ am Anfang einer aus meiner Sicht wahrlich historischen Entwicklung.
Und wieder mal muss bzw. kann sich der Mensch entscheiden, WAS er aus all seinen bahnbrechenden Erfindungen macht: Lenkt er es »zum Guten« oder werden bestehende »Unwuchten« weiter verstärkt?

Lebe gut: Vor allem die zunehmend diskutierte Künstliche Intelligenz (KI)eröffnet eine neue Dimension an Möglichkeiten in Produktion, Verkehr oder Medizin, um nur drei Beispiele zu nennen. Auf welchem Feld erwarten uns in den nächsten Jahren die größten Veränderungen?

Andreas Dohmen: Ich persönlich glaube, dass im Bereich der Medizin, und zwar in Kombination mit den enormen technischen Fortschritten in den Gebieten der Gentechnologie und synthetischer Biologie (künstliche Organe, künstliches Fleisch) die aufsehenerregenden Entwicklungen stattfinden werden.
Ich empfehle jedem einmal das sehr gute Buch vom Spiegel-Redakteur Thomas Schulz: Zukunftsmedizin zu lesen, es wird den Leser anschließend »anders« in die Welt schauen lassen. Namhafte und hochdekorierte Forscherteams arbeiten – ausgestattet mit Milliarden Dollars an Investitionen auch von den Technologiekonzernen – in interdisziplinären Teams u.a. an dem Thema Lebensverlängerung. Erste Ergebnisse sind atemberaubend! Die Konsequenzen auf gesellschaftlicher Ebene werden gravierend sein.

Der digitale Wandel - nichts ist so stark!

Lebe gut: Bahnbrechende Veränderungen generieren in der Regel Gewinner – aber auch Verlierer. Wer wird zu den Gewinnern, wer zu den Verlierern zählen? Und was kann der Einzelne tun, um NICHT zu den Verlierern der Digitalisierung zu gehören?

Andreas Dohmen: Nun, separieren wir dazu mal die verschiedenen »Teilnehmer und Gestalter« der Digitalisierung. Auf der politischen Ebene mache ich mir ernsthaft Sorgen um Europa, natürlich nicht nur wegen der fehlenden gemeinsamen digitalen Strategie für Europa. Wenn es so weiter geht, laufen wir in der Tat Gefahr, die »digitalen« Technologien entweder weiter von den USA und/oder zunehmend auch von China übernehmen zu müssen, eben weil wir sie selbst nicht haben.
Hier wünsche ich mir, das Europa nicht nur zu diesem Thema aufwacht, und aus dem vermeintlichen Nachteil »hinten« zu sein, einen Vorteil generiert, in dem man auf eine nachhaltige, werteorientierte und humanistische Digitalisierung setzt. In der Wirtschaft wird es sich die nächsten Jahre zeigen, wir gut wir in der Lage sind, aus unserer sehr guten wirtschaftlichen Ausgangssituation als Exportweltmeister in die digitale Zukunft zu gelangen. Der Automobilsektor kann hier durchaus als Maßstab betrachtet werden. Schon heute »mussten« die namhaften Automobilhersteller Allianzen mit US-Unternehmen z.B. im Bereich Cloud etc. eingehen, da wir nicht über ausreichende Möglichkeiten und Angebote verfügen. Mit dem Auto als zukünftiges »Smartphone auf Rädern« wird das eine interessante Reise, Ausgang offen. Auf der anderen Seite zeigt der radikale Umbau bei Siemens hin zur einer »digitalen« Firma, dass man durchaus aus der Vergangenheit gelernt hat.
Auf der individuellen Ebene kommt es meines Erachtens stark darauf an, in welcher Lebensphase man sich gerade befindet. Während des Berufslebens gilt das alte Motto »des lebenslangen Lernens« mehr denn je. Denn nichts ist bekanntlich so stark wie der – digitale – Wandel. Ich glaube nicht so stark daran, dass »über Nacht« Millionen von Jobs verschwinden, aber der Veränderungsdruck durch die digitale Transformation ist heute schon gewaltig.
Die heutige Generation wird mindestens »3 verschiedene« Berufe in ihrem Leben ausüben. Und für die heutigen Abiturienten, die »Generation Z« existieren laut OECD 65 % der zukünftigen Jobs noch gar nicht! Eine große Herausforderung für die Ausbildung an Schule und Uni. Ansonsten empfehle ich den Menschen immer, die digitalen Angebote zu nutzen, die ihnen einen wirklichen »Mehrwert« bieten und sich nicht von der teilweisen »Hype« um neue Tools anstecken zu lassen.

Lebe gut: Ob Informationsverarbeitung, Handel, Kommunikation oder Finanzwesen – mittlerweile geben die große amerikanischen und chinesischen Tech-Giganten wie Google, Appel, Facebook oder Alibaba den Takt vor – während wir in Deutschland lieber Kommissionen einsetzen, die sich mit den Gefahren der Digitalisierung beschäftigen. Täuscht dieser Eindruck?

Andreas Dohmen: Leider täuscht dieser Eindruck ganz und gar nicht! Während wir von der wirtschaftlichen Ausgangssituation her an und für sich sehr gut positioniert sind, ist Deutschland auf der politischen Ebene etwas überspitzt formuliert, eher der Ankündigungsweltmeister als der Umsetzungsweltmeister, ähnlich wie beim Thema Klima. An Plänen, Ausschüssen, Kommissionen und Beiräten mangelt es nicht, wohl jedoch an der konkreten und nachhaltigen Umsetzung.

     Zahlreiche Beispiele sind dem Bürger in der Zwischenzeit wohlbekannt: Von 5 Milliarden für die Digitalisierung der Schulen, von denen nun hoffentlich nach 3 Jahren bald die ersten Gelder fließen bis hin zum »alten« Thema Breitbandwüste Deutschland. Allerdings ist all das in den größten europäischen Ländern ebenfalls die Realität. Im Unterschied zu Europa hat China eben bereits vor ca. 15 Jahren erkannt, dass die Digitalisierung bei dem erklärten Ziel, bis 2049 (wieder) die dominierende Wirtschaftsnation der Welt zu werden, einer DER Schlüssel zum Erfolg sein kann.
Folgerichtig hat man damals schon einen Digitalen Masterplan entwickelt, den man seitdem mit aller Konsequenz und Vehemenz in die Tat umsetzt. Mit dem Ergebnis, dass China heute – bis auf Halbleiter – quasi vollkommen unabhängig von den USA ist, der Marktanteil von vielen US-Technologie Giganten in China ist sehr gering. Natürlich wurde das auch möglich durch das Modell des »staatsgelenkten Kapitalismus«, einem System, das die für den Staat als strategisch wichtigen Themen »ansagt«, den »freien Markt« aber ansonsten im wahrsten kapitalistischen Sinne agieren lässt und natürlich die vorhandenen technischen Mittel auch einsetzt, um die Bevölkerung »systemkonform« zu sanktionieren.
Aus meiner Sicht liegt gerade hier die große Chance, aber auch Verantwortung für Deutschland UND Europa, einen digitalen Gegenpol zu dem chinesischen Modell und auch dem klassisch turbokapitalistisch ausgeprägten Modell der USA zu entwickeln. Der Philosoph Prof. Nida-Rümelin spricht hier vom »Digitalen Humanismus«, mit dem sich Europa im »Wettbewerb« der großen Weltmächte klar positionieren und auf seine lange Historie der Werte und des humanistischen Welt- und Menschenbildes Bezug nehmen könnte.
Wie wäre es mit einer »europäischen KI« mit dem Label: »Humanity by Europe inside«, also Algorithmen, die einen klaren ethischen Rahmen haben und bei denen die letzte Instanz – gerade bei den zunehmenden autonomen Systemen – immer noch beim Menschen liegen? Ähnliches hat vor kurzem bereits eine europäische Kommission vorgeschlagen. Oder warum setzen wir nicht viel zielgerichteter und als erklärtes politisches und wirtschaftliches Ziel die enormen Möglichkeiten der Digitalisierung ein, um die großen Herausforderungen der Klimaveränderung und des Umweltschutzes zu adressieren, eine »Grüne Digitalisierung«? Auch wenn man durchaus auf die sehr ambivalente Rolle der Digitalisierung im Bereich Energie- und Ressourcenverbrauch hinweisen muss.

Digitalisierung als Chance sehen

Lebe gut: »Künstliche Intelligenz (KI) ist entweder das Beste, was der Menschheit ja passiert ist, oder das schlechteste«, so der kürzlich verstorbene Stefen Hawkins. Und Sie selbst schreiben in Ihrem Buch, dass wir »an einer Wegkreuzung in der Geschichte der Menschheit« stehen. Muss man sich vor der KI tatsächlich fürchten – oder überwiegen Ihrer Ansicht nach ihre positiven Perspektiven bzw. Chancen?

Andreas Dohmen: Ich bekomme die Frage nach der »Furcht« ja oft in meinen Vorträgen. Und meine Antwort ist immer die gleiche: Ich »fürchte« mich, wenn überhaupt, nicht vor einem Roboter oder einer KI, der bzw. die »komische« Dinge macht sondern viel eher vor uns, den Menschen, die diese mächtigen Erfindungen in die » falsche Richtung« lenken. KI könnte sicherlich bald viele heute noch ungelösten Probleme der Menschheit lösen, daran glaube ich ganz fest. »Hey, KI, löse mal das Problem der Kernfusion«, als Beispiel. Wenn es uns schon laufend in allen möglichen Spielen wie Schach und GO auf spektakuläre Art und Weise schlägt, warum soll es denn nicht mal etwas »sinnvolles« tun? Ein Nobelpreis für eine KI eines Tages? Warum nicht! Dafür müssten wir aber die Entwicklung durch entsprechende politische Maßnahmen in enger Abstimmung mit der Wirtschaft und der Gesellschaft in geeignete Bahnen lenken und der KI die »richtigen« Fragen stellen! Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass unser heutiges Modell von »höher, schneller, weiter« auf verschiedenen Ebenen sowieso nicht skaliert, und wir uns komplett »neu« erfinden müssen als Menschheit. Alle sozioökonomischen sowie ökologischen Parameter deuten ganz klar in diese Richtung. Und das meinte der geniale S. Hawkins wohl auch u.a. mit seiner Äußerung: Wir haben mal wieder ein sehr mächtiges Werkzeug geschaffen, einfach unglaublich, aber wahr. Nun können wir entscheiden, ob wir damit zum Beispiel mehr und mehr autonome Waffensysteme bauen oder die Ökonomisierung in der Medizin weiter vorantreiben, oder aber das Problem von nachhaltiger Energie oder einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft lösen. Und zwar auf breiter Ebene und nicht als »nettes« digitales Pilot- und Vorzeigeprojekt. Die Chance ist riesig!


Andreas Dohmen

Andreas Dohmen

Andreas Dohmen arbeitet seit 2013 als selbständiger Unternehmensberater, Coach und Dozent. Nach dem Studium von Kernphysik, Informatik (Künstliche Intelligenz) und Betriebswirtschaftslehre war er 25…

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